Auf dem Weg nach Beirut


Es sind nur noch knapp vier Wochen, dann steht der nächste Halbmarathon an, der zweite in diesem Jahr und damit auch der Abschluss meiner Laufsaison.

Auf zum Lauftraining

Einige haben sicher gelesen, was mir in Luxemburg widerfahren ist und ich hatte mir fest vorgenommen, dass mir das nicht noch einmal passieren soll. Also habe ich eine Kleinigkeit an meiner Vorbereitung geändert. Ich verlasse mich nicht mehr auf einen Plan, den ich im Internet heruntergeladen habe und auch nicht mehr nur auf mein Gefühl, ich habe mir einen Lauftrainer gesucht und einen gefunden. Auf die Idee hat mich der Wechselzone-Podcast gebracht. In dem Podcast von Adrian, Lukas und Thomas geht es an sich vordergründig Triathlon aber immer wieder streifen die drei auch die Themen Laufen und Radfahren, mal intensiver, mal weniger intensiv. Seit einiger Zeit nutze ich die längeren Läufe oder auch Zugfahrten und höre leidenschaftlich gern Podcasts aus allen möglichen Themenbereichen. Ein paar Favoriten habe ich natürlich allen voran drei Laufpodcasts nämlich: „Laufen, Liebe, Erdnussbutter“ den Podcast von Daniel & Niklas, die nicht nur Spaß am Laufen verbreiten, sondern, die auch politisch aber sowas von auf meiner Wellenlänge liegen, dann „Laufendentdecken“, den Podcast von Florian & Peter aus Österreich, die mich nicht nur mit ihrem Dialekt erobert haben, sondern vor allem mit ihrem Humor und schließlich „Fatboysrun“, den Podcast von Michael & Philipp, der Experten und Laien verbindet und ganz viel Infos rüberhaut. Aber inzwischen gibt es viel mehr, die Tennisproleten mit Daniel & Tobias, die Podcasts des Deutschlandfunks und der Süddeutschen und natürlich der Podcast von Jonas & Mats Hummels. Jede Menge Stoff also, der erstmal weggehört werden will.

Aber zurück zum Laufen und den neuen Zielen. Relativ schnell war mir klar, dass ich für mein neues Ziel den Halbmarathon in Beirut am 10. November etwas neues für mich brauche. Es macht mir nichts aus, nach einem Plan zu laufen aber irgendwie fehlte mir jemand, der als Motivator und Antreiber unterwegs ist. Auf seinem Podcast warb Adrian von Wechselzone damit, dass er auch als Lauftrainer zu haben sei. Schon im Podcast fand ich die Art, wie er über Training generell und auch im Besonderen sprach immer wieder überzeugend und ansprechend. Und ich hatte mitbekommen, dass ein paar von denen, denen ich auf Twitter, Facebook und Strava lauftechnisch folge, auch bei ihm im Training standen. Also schrieb ich ihm eine E-Mail und bekam sehr schnell eine Antwort. Adrian arbeitet mit einer App, in der er die Trainingspläne einträgt. Bevor er loslegt, nimmt er sich viel Zeit, um Motivation, Erfahrungen und Ziele abzufragen. Und dann stand die erste Woche an.

Für mich was das ein Schock, denn die Umfänge, die er vorgab, lagen deutlich über dem, was ich bisher gelaufen bin. Ich war froh über 20 – 25 Kilometer, die ich bisher gelaufen war. Nun standen etwa 45 – 50 Kilometer auf dem Plan, davon bisher mindestens einmal in der Woche ein langer Lauf von 20 Kilometern plus x. Plötzlich hatte ich Freizeitstress. Denn neben der Arbeit, lasse ich mich zweimal in der Woche auch im Studio von Lukas quälen. Nun also noch laufen unterbringen und das in einer Zeit, wo es bei mir gerade beruflich so richtig rund geht, denn in drei Wochen wählt Thüringen und entsprechend viel zu tun ist auch im Büro des Ministerpräsidenten.

Ich muss sagen, dass ich mich am Anfang ziemlich quälen musste. Vor allem die Umfänge waren neu für mich. Dafür war das Training deutlich abwechslungsreicher. Inzwischen laufe ich nur noch nach Tempo, nicht mehr nach Herzfrequenz. In der Regel habe ich in der Woche eine Intervalleinheit, eine Einheit mit all out Läufen und den langen Lauf am Wochenende. Und nach zwei Monaten Training mit Adrian kann ich schon sagen, dass es sich gelohnt hat. Ich merke, dass Adrian sehr viel individueller auf mich eingehen kann, als jeder Plan. Wenn mir was dazwischen kommt, wenn die Arbeit mir die Zeit zum trainieren klaut, wenn ich kränkle oder eine Einheit nicht schaffe, dann hat Adrian einen Rat. Ich habe unheimlich viel gelernt, vor allem, dass ich Geduld brauche, um voran zu kommen, dass Rückschläge dazu gehören und es auch nicht schlimm ist, wenn mal ein Ziel nicht erreicht wird. Was mir Lukas in Bezug auf meinen Körper beigebracht hat, das lerne ich jetzt bei Adrian in Bezug aufs Laufen. Scheitern gehört dazu! Natürlich ärgert es mich, wenn ich eine Einheit nicht schaffe und es macht mir Stress, wenn ich neben der Arbeit nicht weiß, wie ich eine Laufeinheit unterbringen kann. Genau in den Momenten tut es gut, wenn ich eine Whatsapp schreibe und Adrian antwortet und einen Rat hat aber auch sagt, was ich anders machen muss. Tempo halten, langsame Läufe auch wirklich langsam laufen, nicht übertreiben, all das lerne ich gerade und habe auch noch Spaß dabei. Laufen hat mich auch vorher entspannt aber jetzt habe ich auch Spaß und nehme auch scheinbar große Herausforderungen an.

Dass sich all das lohnt, das habe ich mir jetzt schon zweimal beweisen können. Am 21. September 2019 stand der Run of Colours in Köln über 10 Kilometer auf dem Programm, den ich in 50:55 absolviert habe. Die ersten 5 Kilometer in25:04 und damit halt den entscheidenden Tick zu schnell, um meine Bestzeit von 50:47 aus dem Frühjahr zu knacken. Falsche Renneinteilung. Zu Beginn zu sehr mit der Masse mitgerannt und dann fehlten am Ende ein paar Körner. Aber trotzdem lief der Lauf so entspannt und locker, dass ich einfach ein sehr gutes Gefühl hatte.

Kurz vor dem Start zum Run of Colours 2019

Und am letzten Wochenende hatte ich mich ganz kurzfristig entschieden, den long run durch den Rennsteig-Herbstlauf von Neuhaus am Rennweg nach Masserberg zu ersetzen und 20 Kilometer mit 300 Höhenmetern mitzunehmen. Hier war ich schlauer. Ich hatte mir bewusst vorgenommen, den Lauf als lockeren Lauf für mich anzunehmen und der Kollege, der mir den Lauf empfohlen hatte und in seiner Altersklasse auch gewonnen hat, der gab mir noch ein paar entscheidende Tipps: Tritt beim ersten Anstieg auf die Bremse, übertreibe es nicht. Das habe ich ernst genommen und das hat sich gelohnt. Ich konnte den Lauf genießen, gönnte mir Pausen bei schönen Ausblicken für Fotos und an den Verpflegungspunkten und war erstaunt, dass ich den letzten Anstieg gehend schneller bewältigte als andere, die noch liefen. Das ganze quer durch den Wald über Stock und Stein und bei 5 Grad Celsius. Aber was für ein geiles Gefühl, dann nach 1:56:37 h und 20 Kilometern in Masserberg ins Ziel zu kommen. Auch wenn die Oberschenkel beim letzten downhill brannten, ich fühlte mich irre gut und wenn ich früher zwei Tage nach einem Halbmarathon nicht laufen konnte, kann ich heute ganz entspannt hier sitzen und an meinem Blog schreiben. Was für ein Fortschritt.

Team Bodo im Ziel 🙂

Nun kommen also die letzten Wochen bis Beirut. Die werden sicher noch anspruchsvoll und alles unter einen Hut zu bekommen, wird nicht leichter aber ich habe einfach ein gutes Gefühl, dass ich das alles gut schaffen werde. Ich bleibe dran und werde auch nach der nächsten Etappe erzählen, wie es war…

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Es ist dann doch deutlich differenzierter…


Vor ein paar Tagen äußerte Malu Dreyer in einem Interview u.a. zu möglichen politischen Alternativen zur Großen Koalition. Sie schloss dabei Gespräch mit Bündnis 90 / Die GRÜNEN und LINKEN nicht aus. Sie fasste es für den Fall, dass es eine Mehrheit links von der Mitte gebe, so zusammen: „Sollte es eine Mehrheit links von der Union geben, müssen wir das Gemeinsame suchen und das Trennende analysieren“.

Man könnte fast versucht sein, das im Angesicht von drei Koalitionen dieser Parteien in Thüringen, Berlin und seit kurzem auch in Bremen, als eine Selbstverständlichkeit zu begreifen aber weit gefehlt, sofort begannen einige, aus den untersten Schubladen wieder die löchrigen alten roten Socken herauszuholen. Weit vorn dabei der Redakteur der „BILD“ Ralf Schuler, der nicht umhin kam, vor einer Zusammenarbeit mit den LINKEN zu warnen, denn das seien ja die „SED-Erben“. Der Konter von Rainald Becker war da ebenfalls bemerkenswert: „Wer 30 Jahre nach der Einheit, die Linke immer noch als „SED-Erben“ bezeichnet, hat nichts gelernt und nichts verstanden“, schreibt er auf Twitter. Was daraus folgte war eine hitzige Debatte auf Twitter und darüber hinaus, in der es dann noch mal so richtig zur Sache ging.

Mir ist dabei aufgefallen, dass ich ja nun ebenfalls fast dreißig Jahre bei diesen „SED-Erben“ mitmache und trotzdem zu der inzwischen erdrückenden hohen Zahl der Mitglieder dieser Partei gehöre, die niemals der SED angehört haben. Wenn ich genau 30 Jahre zurückschaue, dann waren es die Tage eines einigermaßen verrückten Sommers 1989, in dem schon vieles anders war aber was im Herbst dann passierte, wohl kaum zu erahnen oder vorherzusehen war. Gerade hatte ich mein Abitur bestanden und auch an der 2. Erweiterten Oberschule „Artur Becker“ in Cottbus erlebten wir in der 12/7 doch die eine oder andere hitzige Debatte. Dabei kann ich mich nicht daran erinnern, in einer Klasse von lauter Widerstandskämpfern und Oppositionellen gewesen zu sein. Wir alle hatten unsere ganz eigenen Träume von unserer Zukunft, wir hatten unsere Sorgen und kleineren oder größeren Probleme aber wir haben bei alldem auch wahrgenommen, was um uns herum passierte. An eine Diskussion in Staatsbürgerkunde erinnere ich mich besonders: Am 6. Mai 1989 fanden in der DDR Kommunalwahlen statt und die Partei- und Staatsführung konnte es ganz offenkundig nicht verkraften, dass die Listen der Nationalen Front womöglich keine 99% bekamen, sondern vielleicht nur 75%. Es kam zu mehr oder weniger massiven Wahlfälschungen und ein Mitschüler konnte das belegen, weil er an der Auszählung teilgenommen hatte und allein die NEIN-Stimmen in seinem Wahlbezirk höher waren als die später für die gesamte Stadt angegebene. Offenbar stimmte da was nicht. Unsere Stabü-Lehrerin gab sich alle Mühe und meinte am Ende, dass es ja möglich sei, solche Unregelmäßigkeiten zu melden. Wir durften in den Wochen danach erleben, was mit solchen Beschwerden geschah, nämlich schlicht: nichts!

Viele von uns waren glühende Anhänger von Gorbatschow. Ich weiß, dass ich all seine Reden verschlang, mir seine Bücher kaufte. Heute, 30 Jahre später, stelle ich beim Lesen fest, wie fremd mir diese Funktionärssprache inzwischen ist. Aber die Offenheit der Debatten in der Sowjetunion, die Auseinandersetzung mit der Geschichte, vor allem dem Stalinismus, das faszinierte mich und viele andere. Umso bitterer, dass es für die SED nicht infrage kam, die „Wohnung zu tapezieren, nur weil der Nachbar es tut“. Aber es war ja trotzdem mein Land und ja, ich glaubte noch immer an den Sozialismus in der DDR.

Dabei hatte ich mich selbst schon lange aufgemacht zu ganz neuen Ufern. Die Katholische Kirche in Cottbus lud immer wieder zu spannenden Diskussionen ein. Viel später las ich, dass sich dort „feindliche Elemente“ versammelt hätten und mein Vater, der mir nie davon erzählte, musste sich bei seinem Parteisekretär rechtfertigen, dass sein Sohn offenbar dabei ist, zum Feind der Republik zu werden. Ich glaube, fragen konnte ich ihn nie, mein Vater fand diesen Vorwurf dermaßen absurd, dass er mir gegenüber lieber darüber schwieg, was er sich anhören musste. Dabei haben wir uns sonst nie was geschenkt. Die Zeit zwischen 19.00 Uhr und 20.15 Uhr war bei uns zu Hause eine echte Herausforderung für meine Mutter. Nachrichtenzeit und die ging nie ohne heftige Auseinandersetzungen zwischen mir uns meinem Vater vorüber. Für meinen Vater war Gorbatschow alles, nur kein Reformer. Er hatte in den 80er Jahren in der Sowjetunion beim Bau der Erdgastrasse gearbeitet und war entsetzt über die ökonomische Lage dort und auch über die Verhältnisse. Nie werde ich vergessen, wie erschüttert er war, als er Bilder zeigte von einer Kirche, die zu einem Schweinestall umfunktioniert worden war. Für meinen atheistischen Vater ein wahrer Frevel und unfassbar.

Welche Haltung hatte ich also zur DDR im Sommer 1989. Es war meine Heimat. Ich wollte keine andere. Hier waren alle meine Freunde, einer meiner besten allerdings, war im Mai ausgereist. Ich hatte eine kritische Sicht, vieles gefiel mir nicht aber die Systemfrage habe ich mit meinen 19 Jahren nicht gestellt. Den Sozialismus menschlich machen und demokratisieren, das war meine Idee. Offene Debatten, wie ich sie in der Kirche etwa zum Thema Umweltschutz erlebte. Warum sollten die schaden, fragte ich mich. Sie würden doch dieses Land viel attraktiver machen… Aber natürlich hätte sich die SED dann genau mit diesen Argumenten auch auseinandersetzen und Dinge verändern müssen. Meine Naivität bestand darin, dass ich ehrlich glaubte, dass das möglich sei. Und mir war weder klar noch bewusst, wie SED und Stasi mit Oppositionellen und Kritikern umging. Ich wusste manches, was Mitte und Ende der Achtziger passierte, ich hörte Deutschlandfunk, sah Westfernsehen aber das Ausmaß war mir unklar und schon gar nicht dieses irre IM-System, mit dem das Land überzogen war.

Aber jetzt war ja Sommer und zuerst fuhr ich mit Freunden in ein „Lager für Erholung und Arbeit“ in die tschechoslowakische Partnerstadt Košice, wo ich zum ersten Mal mitbekam, dass viele Slowaken nach Unabhängigkeit strebten und ein gemeinsames Volleyballteam von Tschechen und Slowaken undenkbar war und dann fuhr ich Anfang August mit meinen Eltern nach Sopron, die ungarische Stadt an der Grenze zu Österreich, wo uns die Ereignisse überrollten. Es war kurz nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs, immer wieder flohen DDR-Bürger über die Grenze, Trabis und Wartburgs standen in der Stadt, verlassen von ihren Eigentümern. Meine Eltern waren in Sorge, ich hatte viel zu viel mit mir und einem jungen Ungarn zu tun, den ich in der Disko kennengelernt hatte und mit dem ich mir die Tage und auch manche Nacht vertrieb.

Und war es September und die Einberufung zur Nationalen Volksarmee stand an. Die Grundausbildung in Prötzel nicht weit von Berlin, mitten im Wald und dann mein Einsatzort der Gefechtsstand der 3. Luftverteidigungsdivison in Kolkwitz, nicht weit weg von Cottbus. Und um uns herum begannen Montagsdemos und löste sich ganz allmählich das System auf. Faktisch bis zum 9. November bekamen wir nur gefilterte Infos aus dem DDR-Fernsehen. Wir sahen Honecker gehen und Krenz kommen und waren fassungslos darüber, wir sahen Debatten über Mängel in der Wirtschaft und fanden das gut und wir waren in der NVA, die so tat, als wäre nichts geschehen. Ich werde nie vergessen, wie wir dann nach dem 7. Oktober einen Soldatenrat gründeten und dafür disziplinarisch belangt werden sollten. Wir ließen uns nicht einschüchtern. Es ging uns nicht ums große ganze, sondern um Dinge, wie den Fraß in der Kantine, die Schikanen von einigen Vorgesetzten und vor allem das unsägliche EK-System, dass eher an das Mittelalter als an eine sozialistische Armee erinnerte. Aber wir hatten auch viel Sympathie vor allem von jungen Offizieren, die uns unterstützten, übrigens natürlich alles SED-Mitglieder. Der Wunsch, dieses Land zu verändern und dabei nicht die Systemfrage zu stellen, der verband viele in jenen Tagen.

Und dann ging am 9. November 1989 die Mauer auf und vielen war klar, dass es jetzt kaum Zeit dafür gibt, sich selbst auf den Weg zu machen. Die Geschwindigkeit, in der sich die Dinge veränderten, war kaum auszuhalten. Darüber nachdenken, was jetzt sinnvoll und richtig sei? Keine Zeit.

Und ich selbst? Ich hing ja noch immer an der DDR, ich hatte auch noch immer die Idee, dass wir das mit dem demokratischen Sozialismus doch versuchen könnten. Nur gehörte ich auch zu denen, die der Meinung waren, dass das mit dieser SED nicht geht. Zu erstarrt schienen mir die Strukturen, zu wenig Bereitschaft sah, sich der Entwicklung zu stellen. Krenz war für mich überhaupt nicht glaubwürdig. Mir schien, es geht nur darum die Macht zu erhalten. Natürlich bekam ich die Debatten auf dem Parteitag der SED im Dezember mit, als auch die Frage stand „auflösen oder nicht?“ Mir schien nachvollziehbar, dass ein solcher Schritt dazu führen könnte, für Chaos zu sorgen, wenn man diese Struktur einfach auflöst. Ich war aber viel zu weit weg, um das beurteilen zu können.

Für mich war die neue SDP der DDR in jenen Tagen viel spannender. Das lag weniger an der Partei als an ihrer Schwesterpartei in der BRD. Die SPD verabschiedete Ende 1989 in Berlin ein neues Programm mit einem spannenden Kernsatz:

„Die bürgerlichen Revolutionen der Neuzeit haben Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit mehr beschworen als verwirklicht. Deshalb hat die Arbeiterbewegung die Ideale dieser Revolutionen eingeklagt: Eine solidarische Gesellschaft mit gleicher Freiheit für alle Menschen. Es ist ihre historische Grunderfahrung, dass Reparaturen am Kapitalismus nicht genügen. Eine neue Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft ist nötig.“

Das wäre doch was für mich. Also schritt ich zur Tat und wollte Sozialdemokrat werden. Allerdings wollte die SDP mich nicht, denn mein Vater war als Direktor für Verkehr des Kombinates Kraftverkehr des Bezirkes Cottbus ein Funktionär und ich müsse Verständnis haben, dass man da vorsichtig sei. So wurde es nichts mit mir und der Sozialdemokratie… Treppenwitz der Geschichte, mein Vater im Dezember 1989 das letzte Mitglied der Kombinatsleitung mit SED-Parteibuch. Der Parteisekretär, der ihn noch im Frühjahr wegen mir heftig getadelt hatte, war als Erster ausgetreten.

In jenen Tagen las ich viel. Besonders hatte mich das kleine Büchlein von Walter Janka „Schwierigkeiten mit der Wahrheit“ fasziniert. Ich war erschüttert. Nein, das waren keine Kleinigkeiten. Von meinem Sozialismus blieb da nicht viel. Fast täglich wurde neues öffentlich, was ich mir nie hätte vorstellen können und nein, es war nicht Wandlitz aber die Korruption von Funktionären, die DDR als großer Waffenhändler, der Müllhandel mit dem Westen… und natürlich die vielen Geschichten von Menschen, denen unfassbares Unrecht widerfahren ist, die verfolgt und inhaftiert wurden. Zurecht war das jetzt vorbei.

Ich las aber auch die Rede von Michael Schumann, die er auf dem Parteitag der SED gehalten hatte und die deutlich machte, worum es geht: Um den Bruch mit dem Stalinismus als System, um die Aufarbeitung der Verantwortung der SED für all das Unrecht. Noch heute ein durchaus beeindruckendes Dokument, vor allem vor dem Hintergrund, wie schnell die Partei begann, sich auch mit diesem Thema ernsthaft auseinanderzusetzen.

Und dann lernte ich im Februar 1990 Leute in Cottbus kennen, die eine linke Jugendstruktur aufbauen wollten. Wir trafen uns im alten Gebäude der SED-Kreisleitung und machten alles mögliche, u.a. auch Wahlkampf für die PDS. Wir hatten irre viel Spaß, es war das erste Mal: Plakate kleben, Infostände… ich werde nie vergessen: Helmut Kohl in Cottbus, die Stadt im Ausnahmezustand und wir standen auf dem Balkon einer Freundin und hissten die DDR-Fahne. Ich dachte, die stürmen die Wohnung. Wutbürger gab es auch damals schon. Am 7. März 1990 wurde ich Mitglied der PDS. Aktiv blieb ich bei den „Jungen GenossInnen“ und von Beginn an, war die Erneuerung der Partei, die Auseinandersetzung mit der Geschichte eines unserer wichtigsten Anliegen. Das war nicht immer leicht und vor allem war es ja sehr oft auch sehr persönlich. Aber kein Parteitag, an den ich mich erinnern kann, nicht ohne Debatte zu diesem Thema.

Und gerade all die persönlichen Auseinandersetzungen mit Biografien einzelner Menschen, oft tat das unendlich weh, vieles schmerzte. Oder auch die Debatte um das Eigentum der Partei. Ich erinnere eine Liste im Frühjahr 1990 im Landesvorstand mit über 40 Objekten, die bei uns sicher bleiben würden. Am Ende blieb keins. Wir verzichteten auf das Eigentum, die Auseinandersetzung hätte nur Verlierer gekannt und das Lothar-Bisky-Haus wurde übrigens vom Land Brandenburg gekauft.

Ich könnte einfach weiterzählen. Was will ich damit eigentlich sagen: Natürlich hätte sich 1989 die SED auch auflösen können. Vielleicht wäre manches dann einfacher gewesen, vielleicht aber auch nicht. Die Delegierten haben sich damals anders entschieden. Übrigens hat sich nur die PVAP in Polen aufgelöst, die Kommunistische Partei Rumäniens wurde verboten, alle anderen bestanden fort. Die ungarischen und bulgarischen Kommunisten wurden zu sozialdemokratischen Parteien. Und dann wird von manchen bedauert, dass es kein Verbot gegeben hätte. Wie aber hätte man das rechtfertigen und begründen wollen… Im übrigen haben weder Bundestag noch Bundesrat jemals einen solchen Antrag debattiert. Was hätte man der PDS vorwerfen können? Ihre Geschichte… o.k. nur die Menschen, die Verantwortlichen wären weiter da, auf das Vermögen der SED hatte die Partei verzichtet, was auftaucht, wird heute für gemeinnützige Zwecke genutzt. Am Ende bleibt oft ein unhistorischer und kruder Vergleich mit der NSDAP, der aus sehr, sehr vielen Gründen fehlgeht.

Deswegen: Ja, ich bin Mitglied einer Partei, die aus der SED hervorgegangen ist aber ich bin froh, dass in dieser Partei seit 1990 immer wieder und sehr tiefgreifend über Geschichte und die Verantwortung geredet und debattiert wird. Wir Mitglieder konnten und können uns da nie wegducken. Und das finde ich persönlich auch vollkommen in Ordnung. Das Erinnern an die Geschichte, das Reden über Strukturen, die Unrecht und Verbrechen ermöglichten, lassen uns hoffentlich vermeiden, erneut in totalitäre Strukturen und Denkmuster zurückzufallen.

Und na gut, aus mir und der deutschen Sozialdemokratie ist nichts geworden, worüber ich nach dreißig Jahren nur bedingt traurig bin, weil ich in meinem Laden durchaus eine Menge Menschen kennenlernen durfte, mit denen es Spaß macht, Politik zu machen, im heute und hier und oft sehr streitbar.

Ein neues Ziel: Beirut


Der kleine Schock und Rückschlag vom Nacht-Halbmarathon in Luxemburg liegt ja jetzt schon fast acht Wochen zurück und inzwischen sind die neuen Ziele klar definiert.

Hauptziel für den Herbst der Halbmarathon in Beirut am 10. November 2019 werden. Ich habe lange überlegt, welchen Lauf ich im Herbst auswähle. Mein ganzes Training wird in jedem Fall auch dadurch gekennzeichnet sein, dass ich im September und Oktober durch den Wahlkampf in Thüringen mit Sicherheit emotional ab und an am Limit sein werde. Nach dem Tag X am 27. Oktober werde ich bestimmt etwas Zeit brauchen, um ein paar Dinge klar zu kriegen und zu sortieren. Ich habe mich daran erinnert, wie ich 2015 ziemlich spontan entschieden habe, nach den Bürgerschaftswahlen in Hamburg einen kleinen Trip in den New Yorker Winter zu unternehmen und wie gut mir das damals getan hat, auch für mich persönlich und mit dem nötigen Abstand ein paar Entscheidungen zu treffen.

Beirut reizt mich als Reiseziel schon länger und warum das dann nicht verbinden mit einem Lauf. Es wird sicher ein kleines Abenteuer aber ich habe sehr viel positives über den Beiruter Marathon gelesen und will es einfach auch mal für mich austesten. Diesmal werde ich den Fehler vermeiden und mich selbst zu sehr unter Druck zu setzen. Rückblickend war das sicher auch eine Ursache in Luxemburg. Ich habe mit Problemen nicht gerechnet und mich dann, als sie kamen, zu schnell gehen lassen.

Also etwas mehr Gelassenheit, ohne die Vorbereitung zu vernachlässige. Vor Beirut liegt noch der Run of Colours  in Köln am 21. September 2019, bei dem ich die 10 Kilometer angehe. Letztes Jahr bin ich da eine neue Bestzeit gelaufen und vielleicht lässt sich die ja in diesem Jahr nochmals angreifen, zumal das Wetter im letzten Jahr bescheiden war: kalt und auf den ersten 5 Kilometern Regen. Im Moment wären solche kühlen Temperaturen zwar irgendwie geil aber irgendwas zwischen 10 und 40 Grad wäre am schönsten.

Rund of Colours 2018

Und als Fernziel steht ja für Frühjahr 2020 der erste Marathon auf dem Plan… aber das ist wirklich noch eine andere Geschichte.

Auf dem Weg zu diesen Zielen soll es dann nach dem Urlaub ab Mitte August losgehen mit dem nächsten Trainingsplan zum Halbmarathon. In den letzten beiden Wochen bin ich einfach mal nur für mich zweimal mehr als 20 Kilometer gelaufen, was ziemlich gut lief. Ein bisschen wollte ich mir auch beweisen, dass der Einbruch in Luxemburg eben nichts mit meiner Form oder Fitness zu tun hatte, sondern es einfach nicht mein Lauf und mein Tag war.

An einem Sonntag in Kölle am Rhin

Damit ich etwas bewusster auf meinen Herbsthöhepunkt hinarbeiten kann, wollte ich mich seit langem mal einer Leistungsdiagnostik unterziehen und heute an meinem ersten Urlaubstag war es dann soweit… Der Lukas von ProAthletes wartete auf mich. Ich hatte mir vorher schon ein paar Video reingezogen, um eine Idee zu bekommen, was auf mich zukommt. Ein bisschen Bammel spürte ich auch, denn ich hatte bisher keine Idee, was mein Potenzial ist.

Hier will ich hin…

Zuerstmal dickes Lob an Lukas! Für einen Laien, wie mich, der zwar viel liest, den einen oder anderen Podcast zum Thema hört aber ansonsten bin ich halt Laie, der irgendwie versucht, Struktur in sein Laufen und Fitnesstraining zu kriegen… 😊 Lukas übersetzt einem in perfekter Art und Weise das Fachchinesisch und die Ergebnisse der Diagnostik. Drei Dinge galt es zu bestimmen: 1. den Körperfettanteil, 2. meine VO2 max und dann zum 3. den Auslastungsgrad meiner VO2 max. Die VO2 max bestimmt dabei was mein Motor maximal kann im Moment und wie gut ich den Motor auslaste.

Die Zangenmessung des Körperfetts kannte ich ja schon und bin da weiter auf einem guten Weg. Ich liege im Moment bei ca. 15%, was ziemlich genau im Normbereich liegt, der bei Männern zwischen 12 und 20% liegt. Das intensive Training zahlt sich eben aus 😊 .

Auf das Band mit dir

Der eigentliche Leistungstest bestand aus einem Stufentest, bei dem ich 6, 8, 9, 10, 11 und 12 km/h jeweils 5 Minuten laufen musste und zwar unter Maske, um diverse Werte von Herzfrequenz, Fett- und Kohlenhydratverbrauch, Laktatproduktion usw. zu messen. Das war noch nicht so anstrengend, da die meisten Geschwindigkeitsbereiche eben deutlich in meiner Komfortzone liegen und nicht sonderlich anspruchsvoll für mich sind. Dazu wurde nach jeder Stufe ein Pieks Blut vom Ohr gezapft.

Ich habe es versucht 🙂

Danach ging es dann im Rampentest darum, meine VO2 max zu bestimmen. Dabei wurde bei 8 km/h begonnen und alle 30 Sekunden das Tempo um 0,5 km/h gesteigert, bis nichts mehr geht. Bei mir war das bei 14,5 km/h der Fall, wobei ich zugeben muss, die 15 km/h hätte ich vielleicht auch noch geschafft… aber gut.

Entscheidend war dann die Auswertung. Kurz gesagt: Ich muss an der Größe des Motors arbeiten, also an der VO2 max, die Auslastung meiner jetzigen Motorleistung ist mit 91% ziemlich gut. Besonders gefällt mir, dass man sehr konkret dann auch Zeiten gibt, die man im Training in den verschiedenen Bereichen laufen muss und da ist es wieder mein Problem: Ich laufe in meinen langen Einheiten einfach zu schnell. 6:30 – 6:40 auf einem langen Dauerlauf aber dafür schnelle Intervalle 10x 200 m in einer 4:30 Zeit, das wird knackig.

Aber der Vormittag hat sich wirklich gelohnt, ich bin schlauer, habe einiges mitgenommen und den einzigen kleinen Kritikpunkt, den behalte ich hier mal für mich…

Maskenmann

Nun gilt es, die Zeiten in die Trainingsplanung zu übernehmen und dann schauen wir mal, was in Beirut gehen wird. Ich halte euch auf dem Laufenden.

Köln – Luxemburg – Erfurt: Laufen im Dreierpack


In der letzten Woche stand gleich ein Wettkampftrio an, wobei die drei Läufe doch gut zusammen passten. Die letzten Wochen stand ganz in der Vorbereitung auf den Halbmarathon in Luxemburg, der im ersten Halbjahr 2019 mein Wettkampfhöhepunkt sein sollte. Das Training hin zu diesem Event lief wirklich gut. Ich hatte das Gefühl, dass die Einheiten, die der Trainingsplan vorsah, gut anschlugen und vor allem die Tempoeinheiten endlich ihre Wirkung zeigten.

Der erste Test in dieser Hinsicht war der WHEW am 4. Mai, bei dem ich die 10 Kilometer gelaufen bin und mit 50:47 meine Bestzeit nochmal drücken konnte, auch, wenn ich die 50 Minuten-Schallmauer noch nicht brechen konnte, gab mir dieser Lauf einen tollen Motivationsschub. Übrigens muss ich hier noch mal erwähnen, dass der WHEW eigentlich für die positiv verrückten Menschen gedacht ist, die gern mal 100 Kilometer laufen wollen und es war ein Vergnügen Daniel und Lukas sowohl bei ihren Vorbereitungen in deren Podcast zu folgen, als auch die beiden laufen zu sehen. Mein Respekt vor allen, die diese Strecke bewältigt haben und das bei allen Wettern von Hagel, Regen und Sonnenschein, die man sich so vorstellen kann. Einfach Wahnsinn.

Der erste Lauf meines Trios war der Frontrun, der traditionell zu Christi Himmelfahrt in Köln stattfindet und vom SC Janus organisiert wird. Zeitgleich läuft auch der Come-Together-Cup, zwei längst nicht mehr rein lesbisch-schwule Sportevents, die einfach viel Freude machen. Ich hatte mich mit Micha für den 5-Kilometer-Paarlauf angemeldet, einfach, damit ich nochmal einen lockeren Lauf mache und gemeinsam mit Micha wollten wir unter 30 Minuten bleiben. Und es war auch einfach eine Freude, diesen Lauf mit wunderbaren Menschen aus (oder dem Umfeld) vom Erdnussbutterracingteam machen zu können. Danke an Franzi, Niklas, Matthias und Tobias. Das Laufwetter war sogar ziemlich optimal (kühl und bewölkt für mich) und ich hatte das Gefühl, das mich hoffentlich nicht trügte), dass Micha mein Tempo meist gut mitgehen konnte. Am Ende standen 28:26 Minuten auf der Uhr und wir kamen als zweites von zwei Männerpaaren in Ziel 🙂 , was uns auch noch einen Gutschein für ein Ehrenfelder Eiscafé einbrachte. Also ein Nachmittag, der sich wirklich gelohnt hat. Zudem hat der Niklas die 5 Kilometer gewonnen und Franzi eine neue Bestzeit aufgestellt. Was will mensch mehr? Luxemburg konnte kommen.

Das Laufen Liebe Erdnussbutter Team, lauter Ehrenmenschen!
Laufen im Paar

Und da war also Luxemburg. Wir sind schon Freitag nach Luxemburg gefahren und zur LuxExpo, um ganz entspannt die Startunterlagen abzuholen. Die übliche Laufmesse bei solchen Veranstaltungen war überschaubar, allerdings war der Weg zur Startnummerausgabe nicht so ganz logisch, so dass ich zweimal durch die Messehalle geeilt bin, eh ich auf die Idee kam, ins Untergeschoss zu gehen. Da schon die erste Überraschung, denn der Zieleinlauf ist in Luxemburg in der Halle, wo alles in den ING-Farben, also vor allem niederländisch orange war. Da kam schon Vorfreude auf. Die Ausgabe der Startnummern ging schnell und so war alles rasch erledigt und wir konnten zu unseren Freunden, die ca. 30 Kilometer entfernt von Luxemburg in Frankreich wohnen. Nett was essen und trinken und dann schlafen. Samstag vormittag stand einfach nichts tun auf dem Programm, noch mal kurz in den Whirlpool steigen und sich etwas verwöhnen lassen.

Allerdings war der Samstag nun der erste Tag, an dem es richtig heiß wurde. Gegen 15 Uhr ging es dann nach Luxemburg, schnell war ein Parkhaus in der Nähe gefunden und wir spazierten noch ein wenig umher und konnten schon was von der Strecke sehen. Mir wurde schon beim Blick zum Kirchberg klar: Torsten, du hättest das Streckenprofil checken müssen 🙂 In der Stadt war auch zu sehen, dass die Strecken doch recht eng ist an einigen Stellen. Zwei Drittel der Halbmarathonstrecke laufen Halbmarathonis und Marathonis ja zusammen hier. Mit Straßenbahn ging es dann zum Start an die Messe und es wurde immer heißer. Viel trinken hieß es und nicht zu schnell angehen, auch das kam immer wieder. Irina Mikitenko und Herbert Steffny gaben noch ein paar Tipps und halb sieben schickte ich dann Micha von dannen, um nochmal in mich zu gehen. Luxemburg ist einfach sehr international. Vor dem Start wurden auch die vielen Nationen noch genannt, die vertreten sind. Der Start selbst war gut organisiert und so war ich ca. 15 Minuten nach dem Start auf der Strecke.

Glücklich vor dem Lauf

Ich fühlte mich gut. Es ging durch ein Wohngebiet und an Bürogebäuden entlang, lange im Kirchbergviertel. Schon hier ging es zum teil recht eng auf der Strecke zu. Die ersten Kilometer ging es fast nur bergab, ich kam gut voran und sah zu, es mit dem Tempo nicht zu übertreiben. Das ging an sich auch gut aber bei Kilometer 8 war es, als ob mir jemand einfach den Stecker ziehen würde. Ich hatte Probleme mit Kreislauf, mir war leicht schwindlig und ich hatte keine Ahnung, woher das kommt und warum so plötzlich. Die Beine funktionierten super, daran konnte es nicht liegen aber ich musste einfach gehen. Jede Getränkestation nahm ich mit, blieb stehen, trank in Ruhe und beschloss irgendwann für mich: Du willst ankommen!

Und die Strecke ist wunderschön. Überall stehen Menschen in der Innenstadt, es gibt Musik, es gab Wasserduschen, einfach eine tolle Stimmung. Von Kilometer 10 bis 15 ging es wieder, ich hatte die Hoffnung, den Lauf doch noch unter 2 Stunden finishen zu können. Im Kopf raste es, ich fragte mich immer wieder: Was ist los? Warum funktioniert es heute nicht. Mir kamen sogar die Tränen und ganz viel aus den letzten Wochen schoß mir durch den Kopf, wo das laufen doch immer auch Abwechslung war.

Dann sah ich Micha und das war noch mal wunderbare Motivation. Die letzten 5 Kilometer packst duch auch noch, sagte ich mir. Aber die Anstiege waren zu viel. Ich kam nicht in die Gänge. Höhenmeter, nahm ich mir vor, müssen in den Trainingsplan. Also wieder Gehpausen, nur nicht Stehpausen. Und ich sah einige am Wegesrand, die offenbar die Hitze erwischt hatte. Ich kann mich nicht erinnern, soviele Rettungswagen bei einem Marathon gesehen zu haben. Und dann wieder diese irre Stimmung: Musik, langsam wurde es dunkel und überall Lichterspiele. Dann endlich das Messegelände, jetzt ging es nur noch bergab, an den Seiten Kerzenschalen und dann hinein in die Halle und die letzten Meter genießen. Was für ein Gefühl.

Etwas weniger glücklich nach dem Lauf

Klar, war ich im erstem Moment enttäuscht, weil ich mir meine Leistung nicht erklären konnte. Auf der anderen Seite kann es ja auch nicht immer nur voran gehen, es gibt auch diese Tage und ich war dann doch happy, durchgehalten zu haben. Die Zeit 2:10:49 ist natürlich nix, es ist meine schlechteste Halbmarathonzeit. Aner ich kann mir jetzt auch sagen, dass ich es durchgestanden, durchgekämpft habe und nicht einfach ausgestiegen bin. Insofern war mein fünfter Halbmarathon in jeder Hinsicht der mit der größten Erfahrung.

Nun geht es weiter. In Bezug auf den Halbmarathon habe ich eine verrückte Idee im Kopf, die ich hier noch nicht breittreten werde, aber die für mich so eine kleine Motivationsspritze sein soll und eine zweite verrückte Idee breitet sich auch in meinem Kopf aus. Also wird natürlich weitergelaufen…

Der letzte Lauf des Dreierpacks war dann der Thüringer Unternehmenslauf, der jedes Jahr im Juni stattfindet und ein Lauf von knapp 5 Kilometer durch die Erfurter Innenstadt ist. Ca. 10.000 Menschen laufen mit und es steht dort wirklich der Spaß im Vordergrund und nicht das läuferische Ergebnis. Aber nach dem kleinen Rückschlag von Luxemburg wollte ich mir natürlich trotzdem beweisen, dass da was geht. Und das wiederum hat ziemlich gut geklappt. Trotz tropischer Temperatur konnte ich eine 5:10 er Pace halten, bin meinen schnellsten Kilometer ever gelaufen und war mehr als zufrieden.

Laufen im Team der Thüringer Staatskanzlei durch Erfurt
Fast im Ziel…

Also können die neuen Herausforderungen kommen und für den Herbst habe ich ein kleines Abenteuer geplant, über dass ich bei Gelegenheit berichten werde und auch für das kommende Jahr habe ich mir was vorgenommen, über das ich aber auch noch nicht plaudern mag 🙂 Laufen bleibt jedenfalls auf der Agenda, auch, wenn jetzt erstmal etwas ruhigere Wochen kommen, wo ich nicht ganz so akribisch nach Plan laufen werde, sondern eher nach Lust und Laune.

Eine Wahl mit Folgen


Am Sonntag wurde ein neues Europäisches Parlament gewählt und die Wahlergebnisse überall in Europa und ja, auch in Deutschland, werden Folgen haben, Folgen haben müssen. Europaweit verzeichnen EVP, SPE aber auch die linke GUE/NGL teilweise massive Verluste. Liberale, Grüne aber vor allem Rechtskonservative, Rechtspopulisten und Rechtsextreme aller Coloeur legen zu. Aber offenbar steigt das Interesse am Europäischen Parlament, denn auch die Wahlbeteiligung nahm zu, ein positives Zeichen, wie ich finde, denn aus welchen Gründen auch immer, das Interesse an Europa steigt. In Deutschland interessierten sich fast 20% aller Wählerinnen und Wähler mehr für die Europawahl als vor 5 Jahren.

Dabei hat sich in den letzten Monaten und Wochen eine dramatische Wende in Bezug auf die Themen vollzogen, die (jedenfalls in Deutschland) für die Wahlentscheidung zugunsten einer Partei entscheidend waren. Nicht letzt durch die Bewegung Fridays for Future ist für 48% der Deutschen inzwischen der Klimaschutz das wichtigste politische Thema (28% mehr als 2014), das Thema soziale Sicherheit liegt 43% auf Platz 2 (minus 11%). Es folgen Friedenssicherung mit 35% und Zuwanderung mit 25% auf den nächsten Plätzen. Kaum überraschend ist, dass jene, denen Klimaschutz wichtig ist, vor allem grün wählen, das Thema soziale Sicherheit ist für 2/3 der LINKEN-Wähler und die Hälfte der SPD-Wähler wichtig und Zuwanderung für 2/3 der AfD-Wähler. Entscheidend für den Wahlerfolg der Grünen

Am Ende aber standen sich in der Konsquenz als Pole in Deutschland die Grünen als die Partei für Europa, für Klimaschutz und eine demokratische Gesellschaft und die AfD als Partei der Europaskeptiker, der Klimaskeptiker und Zuwanderungskritiker faktisch als Antipoden gegenüber, die am meisten Wählerinnen und Wähler mobilisierten. Haltung zeigen und das bei zwei Themen, bei denen sowohl SPD und LINKE wackeln. 1,8 Millionen WählerInnen haben die Grünen von SPD und LINKEN gewonnen. Die LINKE hat ja ohnehin bei Europawahlen ein Mobilisierungsproblem. Jene, die der europäischen Integration skeptisch gegenüber stehen, gehen womöglich gar nicht wählen und die, die glühende EuropäerInnen sind, die werden mit dem JA/NEIN/Vielleicht der LINKEN wenig anfangen können. Die SPD wiederum hat nicht nur das Problem, in der GroKo kaum eigene Positionen durchsetzen zu können, die Profil bringen würden (Grundrente z.B.), sie wiederum ist in der Klimafrage für viele Menschen eben keine verlässliche Partnerin. Dabei braucht es (nicht nur beim Klimawandel) dringend ein soziales Korrektiv, denn Grüne neigen überhaupt nicht dazu, die soziale Frage in den Mittelpunkt ihrer Agenda zu setzen. Was war gleich der Knackpunkt, den die Bremer Spitzenkandidatin in Bezug auf eine mögliche rot-grün-rote Koalition in Bremen benannte? Es war die Haltung der Bremer LINKEN zur Schuldenbremse.

Angesicht des Investitionsstaus im öffentlichen Bereich, angesichts des Mangels an Wohungen, Schulen, Kindereinrichtungen, wische ich mir verwundert die Augen und denke: Ist was an mir vorbeigegangen in den letzten Jahren? Aber ich habe natürlich mal vor allem die Verantwortung, mit dem schlechten Wahlergebnis meiner eigenen Partei umzugehen. Was sind nun die Konsequenzen daraus. Ich würde immer noch sagen: klare Positionen und und Haltungen zeigen. Das gelingt uns bei den Themen soziale Gerechtigkeit, bei dem Thema Geflüchtete und deren Integration, auch in der Bildungsfrage aber wenn wir unseren Wählerinnen und Wählern gar keine eigene und vor allem klare Position vermitteln, warum sollten sie uns da wählen?

Schaue ich mich hier in Köln um, dann lässt sich genau dieses Mobilisierungsproblem mit Händen greifen. Die Stimmenzahlen für DIE LINKE lagen bei allen Wahlen, egal ob kommunal, Land, Bund oder Europa 2012 – 2019 zwischen 26.600 Stimmen (Europawahl 2014) und 34.800 Stimmen (Landtagswahl 2017). Nur bei zwei Wahlen gab es dramatische Ausreißer. 2012 bei der Landtagswahl wählten nur 14.300 Leute DIE LINKE und 2017 bei der Bundestagswahl aber 63.300 Menschen. Das waren dann 3,3% bzw. 11,5% der Stimmen. Das zeigt, welches Potenzial es in Köln für DIE LINKE gibt und genau das ließ sich auch in Bremen oder Hamburg beobachten, wo die Europawahlergebnisse deutlich unter denen bei Bürgerschafts- oder Bezirkswahlen lagen.

Positiv gesprochen könnte man sagen, dass wir in Köln inzwischen ein recht stabiles Stammwähler*innenpotenzial haben, dass etwa bei 30.000 Stimmen liegt und zwischen 6 und 7% aber, wenn wir was reißen wollen, braucht es eine deutliche zusätzliche Mobilisierung.

Wir sollten nicht vergessen. In Köln haben sich die GRÜNEN auch nur Gesprächen über eine Zusammenheit der Kräfte links von der Mitte nach den letzten Kommunalwahlen verweigert. Im Bündnis mit CDU und FDP sind klare Fortschritte im Bereich Klimawandel, Verkehrswende oder etwa sozialer Wohnungsbau nicht machbar. Wenn fast 60% der Menschen in Köln Parteien wählen, die links von der Mitte stehen, dann finde ich es absurd, wenn es aus diesen quantitativen Mehrheiten letztlich qualitativ keine andere Politik entsteht.

Genau das muss die Herausforderung für die Kommunalwahl sein: Jede Partei wird und muss eigenständig ihre Agenda setzen und Schwerpunkte setzen. Wie beantworten wir die Herausforderungen einer wachsenden Stadtgesellschaft: schaffen bezahlbaren Wohnraum, ausreichende qualitativ gute Angebote in Bildung und Gesundheit, einen attraktiven ÖPNV und eine Gesellschaft, die allen Menschen, egal, woher sie kommen, gleiche Ausgangsbedingungen? Da sind Grüne genauso gefordert wie SPD, LINKE oder kleine Wähler*innengruppen. Vielleicht gelingt es ja doch, nach der Wahl mögliche progressive Mehrheiten zu nutzen. Ich würde mir das sehr wünschen.

Im übrigen debattiert meine Partei ja gerade die Frage der Kandidatur zu den Oberbürgermeisterwahlen. Dabei ist aus meiner Sicht die Ausgangslage gänzlich anders als 2015. 2015 hätte es die Chance einer Lagerwahlentscheidung in einer eigenständigen Personenwahl gegeben. Die LINKE spielte dabei keine Rolle. Deswegen war meine Position damals klar, dass ich Jochen Ott unterstütze. Aber im kommenden Jahr wird OB und Rat zur gleichen Zeit gewählt und es gibt keine Stichwahl. Wenn also ein Ergebnis der Europawahl ist, dass es auch ein profiliertes und überzeugendes personelles Angebot braucht, um der Partei zu helfen, dann muss aus meiner Sicht DIE LINKE mit einer Kandidatin/einem Kandidaten antreten. Ich halte es für völlig illusorisch und eine Fehleinschätzung zu meinen, es gäbe die nötigen Rahmenbedingungen für eine Bündniskandidatur 2020. Wir werden alles tun müssen, um eigenständig erkennbar zu bleiben. Dazu braucht es vor allem eine gute inhaltliche Idee aber aus meiner Sicht auch das eigene personelle Angebot.

Wieder ein kleines Stück nach vorn…


Bestzeit!

Wo ist eigentlich der Frühling hin? Wir schreiben das erste Mai-Wochenende und in Teilen von Deutschland ist der Winter zurück. In Oberhof liegt Schnee und hier im Rheinland wechseln sich Schneeregen. Regen. Wind und Sonne ab. Aber Plan ist Plan und bei mir steht auf dem Plan die Vorbereitung auf den Nacht-Halbmarathon am 1. Juni 2019 in Luxemburg.

Zeichen setzen gegen Rassismus – ein sehr sympathischer Startort

Es sind nur noch knapp vier Wochen und gestern stand der zweite 10km-Testlauf auf dem Programm. Den ersten musste ich vor etwa vier Wochen ausfallen lassen, weil ich etwas angeschlagen war und da Wetter ungefähr genauso freundlich daher kam, wie im Moment, hatte ich damals den Lauf gecancelt. Diesmal hatte ich mich für einen Lauf in Wuppertal entschieden, den WHEW. Wer jetzt auf die Website dieses Laufes schaut, bekommt sicher einen kleinen Schreck. Schließlich ist da von 100 Kilometer entlang alter Bahntrassen im Bergischen Land die Rede. Nein, keine Angst, ich bin nicht verrückt geworden aber im Rahmen des WHEW kann man auch 5 oder 10 Kilometer laufen und da ich mit viel Freude den Podacat „Laufen, Liebe, Erdnussbutter“ verfolge, konnte ich auch mithören, wie sich Daniel und Ludwig, zwei wunderbare Läufertypen, sich auf diesen Lauf vorbereiten und da dachte ich mir, da wäre es doch schön, diesen Lauf mitzunehmen. Der 10-Kilometer-Lauf findet auf der alten Nordbahntrasse statt, eigentlich läuft man zwei Schleifen durch Wuppertal, immer etwas südlich der A46.

Ja wohin laufen sie denn????

An dieser Stelle sei mal eine Lanze gebrochen, für all die tollen Menschen, die solche Veranstaltungen mit viel Einsatz und Herzblut vorbereiten. Es gehört ja einiges dazu, gerade dann, wenn man 100 Kilometer absichern will und muss. Da ist eine Strecke auszusuchen und zu vermessen, es braucht Ausschilderung, Verpflegung. Absicherung und Genehmigung. Ein riesiger Aufwand und all das stemmt der MTV 1861 Elberfeld um den wunderbaren Guido herum ehrenamtlich. Da wird Kuchen und Kaffee verkauft, gegrillt, man kann immer fragen und bekommt schnell eine Antwort. Ungemein sympathisch und nicht so anonym, wie die großen Laufveranstaltungen. Da lässt sich auch über vieles hinwegsehen, was dann vielleicht mal nicht so perfekt funktioniert.

Uns kriegt kein Wetter klein…

Das Wetter allerdings ließ kurz vor dem Start überhaupt nichts Gutes erahnen. Hagel und Schneeregen gingen über dem Startbereich nieder und ich sagte mir: „O.K. Torsten, da musst du jetzt irgendwie durch…“ Aber mit dem Startschuss riss der Himmel auf und die Sonne schickte uns auf die Strecke, die offenkundig nicht umsonst die schnellsten 10 Kilometer von Wuppertal genannt werden. Eine Asphaltpisse ohne Steigungen auf der sich wunderbar Pace machen lässt. Ich m erkte, dass es auch bei mir läuft. In den Trainingseinheiten, die ja meist eher gemächlich sind, fehlt mir immer das Gefühl dafür, was das alles bringt. Gestern habe ich mal wieder gemerkt. Wenn Flo und Peter von einem weiteren wunderbaren Laufpodcast immer wieder betonen: Fünfer-Schnitt geht immer, dann ist das für mich überhaupt nicht selbstverständlich. Wenn Strava recht hat, bin ich gestern 4 der 10 Kilometer in einem Schnitte von unter 5 Minuten auf den Kilometer gelaufen, ein Tempo, das mich immer noch erschrecken lässt, wenn es mir die Uhr zuruft. Gestern war wieder so ein Moment, wo ich mir dann auch wieder eingeredet habe: „Ich bin zu schnell, das halte ich nicht durch.“ War natürlich Blödsinn. Ich habe mir dann gesagt: Greif die 5-Kilometer-Bestzeit an und dann schau was noch geht.

Was auch sonst…. „Laufen, Liebe, Erdnussbutter“

Die 5 Kilometer gingen in 25:10, was eine neue Bestzeit für mich ist und da war mir klar, heute geht hier was. Und die Strecke lässt das auch wirklich zu, wenn die Sonne zu arg scheint, dann taucht just ein Tunnel auf und ganz am Schluss sorgte dann nochmal ein Regenguss dafür, Gas zu geben, um nicht allzu nass zu werden. 50:47 standen am Ende in der Ergebnistabelle, was für mich eine neue Bestzeit ist und die Schallmauer 50 immer näher rücken lässt. Viel wichtiger ist aber, dass ich nun mit einem sehr guten Gefühl in die nächsten Wochen gehen kann, bevor der Höhepunkt des ersten Halbjahres ansteht. Vorher steht noch ein Spaßfünfer an, der Frontrun hier in Köln, den ich schon lange nicht mehr gelaufen bin und denn ich zwei Tage vor dem Halbmarathon ganz gemütlich mitnehmen werden. Aber jetzt erstmal zurück auf die Laufstrecke, denn irgendwie steht heute gar keine Pause im Programm 🙂

Eine Geschichte aus dem Osten


Ich habe in der letzten Zeit die Herausforderung zu bewältigen, dass sich bei mir die ungelesenen Bücher stapeln und auf meinem Notizzettel die Bücher, die unbedingt noch gelesen werden müssen. Bei meinen Läufen höre ich inzwischen mit großer Begeisterung Podcasts und im Zug ziehe ich doch oft die Unterhaltung durch Netflix vor. Gerade am Montag morgen, wenn ich von Köln nach Erfurt pendle, lasse ich mich gern leber berieseln, als mich lesend durch ein Buch zu arbeiten. Meine Lesezeit beschränkt sich dadurch sehr oft auf die Zeit vor dem Schlafen. Eine halbe Stunde ein paar Seiten lesen, das bringt mich am besten runter nach einem langen Tag, so jedenfalls meine Erfahrung.

Christoph Hein „Verwirrnis“

Auf einem ziemlich langen Flug nach Vietnam las mein Chef dann aber ein Buch von Christoph Hein „Verwirrniss“, während ich zwei wunderbare Filme sah, die ich im übrigen jedem ans Herz legen mag: „A Star is Born“ und „Bohemian Rhapsodie“, der erstere mit einer phantastischen Lady Gaga und der Soundtrack läuft seitdem auf meinem Smartphone hoch und runter. Aber darum soll es nicht gehen, denn am Ende der Reise drückte mir mein Chef das Buch in die Hand und sagte: „Das musst du unbedingt lesen. Eine schwule Geschichte aus dem Eichsfeld“

Christoph Hein verbinde ich mit ganz vielen wunderbaren Leseerinnerungen, dass er sich nun an ein explizit schwules Thema heranwagt, das hat mich überrascht aber eben auch sehr interessiert. Die „Landnahme“ ist ein Buch, das mich sehr fasziniert hat, es sind sehr oft die Familiengeschichten und natürlich der Bezug zu meiner ostdeutschen Heimat, die mich mit Hein verbinden. Aber eine „schwule Geschichte“ aus dem Eichsfeld, das ist ja allemal spannend. Sie war es sicher vor 50 Jahren und ist es wahrscheinlich heute noch.

Nach dem Lesen frage ich mich, was ich gelesen habe? War es eine Geschichte schwuler Emanzipation in der DDR? Wohl kaum, denn bis in den Freitod emanzipiert sich der Held des Buches Friedeward ja nicht. Seine Homosexualität bleibt im Verborgenen, sie bleibt es in den 50er Jahren im Eichsfeld und sie bleibt es Anfang der Neunziger Jahre in Leipzig. Für mich ist es nach dem Lesen dann doch vielmehr eine ostdeutsche Lebensgeschichte mit allen ihren Irrungen und Wirrungen, wie sie schon der Titel „Verwirrnis“ nahelegt. Emanzipation findet natürlich statt. Friedeward emanzipiert sich von seinem brutalen Vater, der in der Erziehung nur Gewalt kennt und sich selbst dafür hasst, weil diese Gewalt gar nicht zu seinem katholischen Menschenbild passt aber es eben doch sein Vater und dessen Vater auch so gehalten haben. Alle Sünde wird mit dem Siebenstriemer ausgetrieben und ich habe mich immer wieder gefragt, warum lässt sich der Sohn all diese Demütigungen gefallen. Es ist die Gesellschaft der 50er Jahre im katholischen Eichsfeld, in der eine Liebesgeschichte beginnt, die keine Perspektive hat. Friedl und Wölfchen, die ihre Liebe füreinander entdecken, die gemeinsame Träume haben und ja, auch Pläne und die aber am Ende scheitern. Sie scheitern an den Moralvorstellungen ihrer Umwelt, in der ein homosexuelles Paar undenkbar ist, ja in einer Zeit, in der Homosexualität unter Männern auch in der DDR noch strafbar ist und sie scheitern an den Ängsten, die in ihnen daraus erwachsen.

Immer wieder hoffe ich als Leser: „Lass es doch gut ausgehen!“ Da ist plötzlich das lesbische Freundespaar in Leipzig und die Chance, was zu arrangieren. Zwei Ehen, die nur der Tarnung dienen. Aber Wölfchen selbst kann die Tarnung nicht aufrechterhalten. Ausgerechnet in Westberlin wird er „erwischt“ und flieht: vor sich, seinen Eltern und Friedl lässt er im Stich. Die Geschichte von Wolfgang endet hier, spätestens jetzt ist klar, dass Christoph Hein doch eine Geschichte aus dem Osten erzählt. Nur am Rande wird der Weg von Wolfgang noch gestreift und als die DDR Homosexualität schon legalisiert hat, muss Wolfgang noch immer Entdeckung fürchten.

Der Weg von Friedl geht weiter. Er hat sich angepasst, die lesbische Freundin geheiratet, macht Karriere am Literaturwissenschaftlichen Institut und erlaubt sich nur ganz heimlich das Ausleben seiner Sexualität. Sein Professor prägt zunächst seinen Weg. Wir können nur ahnen, dass die Geschichte des Leipziger Professors Hans Mayer erzählt wird, Literaturwissenschaftler und selbst homosexuell. Als sein Professor, wie auch Hans Mayer, in den Westen geht, läuft Friedl wieder Gefahr zu scheitern. Es sind die kleinen Zufälle aber ab und an dann auch doch der Mut, die ihm helfen, seinen Weg zu gehen und sich fernzuhalten von der allmächtigen Partei.

Aber ohne Kompromisse war ein solches Leben in der DDR eben doch nicht denkbar und irgendwie ahnte ich schon beim Lesen, dass der Bericht der gefordert wurde, um ins Ausland gelassen zu werden, irgendwann noch mal Bedeutung erfährt. Der Bericht, den es nur gab, weil damit gedroht wurde, die Homosexualität öffentlich zu machen und Friedl doch seinen alten Professor wiedersehen wollte. Wer hätte wohl nicht geschrieben. Denn auch die DDR war ein Land voller kleinbürgerlicher Spießer und Homosexualität alles andere als akzeptiert. Sie behinderte die berufliche Entwicklung, sie machte erpressbar…

Und dann die Wende… Die Uni, an der Friedl lehrt, in dramatischen Umbrüchen. Er, der sich einsetzt für inhaftierte Studierende, er, der doch immer Mensch blieb, der auch mal irrte aber doch moralisch integer, er scheitert an diesem einen Bericht, denn jetzt gilt er formal als Spitzel. Ich musste sofort an einen Schulfreund denken, der im Wachregiment „Felix Dzierżyński“ diente und sich das Leben nahm, als sein Name und der vieler anderer in der „BILD“ veröffentlicht wurde und er am gleichen Tag seinen Job verlor und der daran zerbrach. Friedl ist für mich nicht zerbrochen. Er hat sich entschieden. Er will sich nicht outen um den Preis, seinen Job zu behalten. Die Akten der Täter entscheiden im Nachhinein, wer Täter war und wer Opfer. Verwirrnis und ohne Platz für die Zwischentöne, die es gab.

Ein wirklich beeindruckendes Buch. Ich habe mich gefragt, ob es mir nicht ein wenig zu viele Themen waren, die abgehandelt wurden, ob ich es nicht spannender gefunden hätte, mehr über den schwulen Mann Friedeward in der DDR zu erfahren, ob nicht gerade am Ende, dann einfach zu viel in das Buch gepackt wurde. Allein die Frage, ob wir allein Akten über Biografien urteilen lassen sollten, lohnt ein eigenes Buch. Jeder, der sich schon mit Akten der Stasi befassen musste, weiß um die Vielschichtigkeit. Nicht alle lassen sich einfach mit einem Etikett abfertigen. Für mich war es wieder eine Geschichte aus meiner Heimat, in der ich mich wiederfinde und über die ich nachdenken kann. Danke also an Christoph Hein für dieses Buch und an meinen Chef für die Leseempfehlung.