Nur Acht Wochen


Eigentlich hatte ich vor fast vier Wochen versprochen, in diesem Blog etwas über 30 Jahre in der PDS und der LINKEN zu schreiben. Ich verspreche, dass dieser Plan nicht aufgehoben, sondern nur aufgeschoben ist. Es ist ja bald Ostern und da ist in diesen Zeiten ja ausreichend Raum, um sich reflektierend an den Schreibtisch zu setzen und die Gedanken zu sortieren. Aber heute will ich dann doch auf die letzten acht Wochen in meinem Leben zurückblicken, die wohl zu den verrücktesten gehören, die ich in meinen knapp 50 Jahren auf diesem Planeten erleben durfte. Dass manche Ereignisse, die ich für außergewöhnlich hielt, im Angesicht der letzten Wochen vor Neid erblassen würden, das hätte ich dann doch nicht für möglich gehalten.

Ich habe den Kalender in meinem Büro nach dem 5. Februar nicht mehr geschoben.

5. Februar 2020

Es war eine kurze Nacht. Am Abend vorher hatte ich mich mit zwei lieben Menschen getroffen, denn nicht nur ich war voll von Aufregung und Unruhe. Heute nun soll der Landtag in Thüringen einen neuen Ministerpräsidenten wählen. Meinen ganz persönlichen Weg bis zu diesem Tag in Thüringen habe ich in einem anderen Blogbeitrag beschrieben.

Seit dem 27. Oktober hatten wir auf diesen Tag hingearbeitet. Ich muss die politischen Rahmenbedingungen, die schwierigen politischen Umstände hier nicht wiederholen, die werden den meisten bekannt sein. LINKE, SPD und Bündnis 90 / Die Grünen wollten ihre Koalition fortsetzen und das im Wissen, dass diese Koalition ohne Mehrheit ist und deshalb mit dem Angebot an CDU und FDP gemeinsam in Sachfragen zu kooperieren. Nur vor diesem Experiment musste die Landesregierung ins Amt kommen und das geht nun mal über die Wahl des Ministerpräsidenten. Und das bedeutet, dass jede Kandidatin und jeder Kandidat in den ersten beiden Wahlgängen mindesten 46 Stimmen benötigt und im dritten Wahlgang die meisten Stimmen auf sich vereinigt. Was das genau bedeutet, ist durchaus umstritten, jedenfalls dann, wenn in diesem Wahlgang nur ein Kandidat nominiert ist.

Ein zeithistorisches Dokument 🙂

Die Ausgangslage war jedenfalls für die ersten beiden Wahlgänge klar. Es gab mit Bodo Ramelow den gemeinsamen Kandidaten von LINKE, SPD und Bündnis 90 / Die Grünen. Die AfD nominierte für den ersten Wahlgang den Parteilosen Christoph Kindervater, der bisher landespolitisch keine Rolle gespielt hatte und ein Angebot an CDU und FDP für ein gemeinsames Vorgehen gelten sollte. Die FDP hatte erklärt, dass ihr Fraktionsvorsitzender, Thomas Kemmerich im dritten Wahlgang kandidieren würde, sollte Bodo Ramelow in den beiden Wahlgängen zuvor keine absolute Mehrheit erreichen. Und die CDU? Die war vor allem mit sich beschäftigt und mit der Abgrenzung zu LINKEN und AfD. Wie ein Mantra wurde auf den Parteitagsbeschluss der CDU verwiesen, nach dem es keine Kooperation mit LINKEN und AfD geben dürfe. Andersherum gab es durchaus die Idee einer Simbabwe-Minderheitskoalition, nur wäre auch die auf Stimmen von LINKEN oder AfD angewiesen. Einen eigenen Kandidaten wollte man nicht aufstellen.

Als Büroleiter des Ministerpräsidenten war ich in den Tagen vorher vor allem damit befasst, den organisatorischen Ablauf dieses Tages mit im Blick zu haben. Ablaufpläne wurden geschrieben, Stellproben durchgeführt. Und irgendwann kam sie doch die Frage: „Was passiert eigentlich wenn…?“

Als diese Frage gestellt wurde knapp eine Woche vor der Wahl in der Kantine des Landtags in einer Runde von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Landtag und Staatskanzlei, herrschte kurz Schweigen und eine Kollegin meinte: „Dann gehe ich nach Hause.“ Ich habe dann nach kurzer Pause geantwortet, dass ja auch dann ein Kabinett berufen würde und der Landtag weiter arbeitet, sich aber womöglich die Zeiten ändern. Mich haben viele gefragt, ob wir uns nicht mit dieser Frage befasst haben? Natürlich haben wir das. Wer kandidiert, der muss immer damit rechnen, nicht gewählt zu werden. Aber im Angesicht der Mehrheitsverhältnisse und vor allem auch der Kandidatenlage war das für mich eine absurde Vorstellung. Dass die CDU keinen Kandidaten aufstellt, war für mich eher ein Zeichen, dass sie die Wahl nicht wird scheitern lassen, denn das Ergebnis hieße dann ja ein MP von Gnaden der AfD oder ein MP der FDP, ebenfalls von Gnaden der AfD. Ehrlich, für mich war das eine absurde Vorstellung. Und trotzdem würde ich heute sagen, dass das die Schwäche der politischen Akteurinnen und Akteure war, dass alle sich schworen, keinen MP von Gnaden der AfD zu wählen, ohne sich mögliche Szenarien wirklich bewusst zu machen und nochmals in sich zu gehen.

Und dann hatte dieser Tag auch noch einen persönlichen Moment für mich, denn an sich stand eine neue berufliche und politische Herausforderung vor mir, die sich auch so langsam herumsprach. Glückwünsche wies ich zurück mit dem Hinweis, erstmal die Wahl abwarten. Aber immerhin war mein Mann auf dem Weg von Köln nach Erfurt, um dabei zu sein, wenn es soweit ist…

Und dann ging es los: Auf der Besuchertribüne des Landtags, auf dem ich der Wahl folgen durfte sehr viele bekannte Gesichter: politische Freund*innen, Kolleg*innen, jede Menge Fotograf*innen und Journalist*innen und alle angespannt aber doch irgendwie guter Dinge, dass Thüringen am Abend dieses Tages eine neue Landesregierung haben wird.

Und los ging es. Eröffnung durch die Präsidentin, Erläuterung des Wahlverfahrens, Benennung der Kandidaten, Wahl, Auszählung, Ergebnis:

Bodo Ramelow:                              43 Stimmen

Christoph Kindervater:                  25 Stimmen

Enthaltungen:                                  22

Damit war niemand gewählt. Erstaunlich, dass der NoAfD-Kandidat drei Stimmen mehr erhielt, als die AfD Abgeordnete hat. Aber noch ist alles wie erwartbar. Auszeit und dann zweiter Wahlgang wie gehabt: Erläuterung des Wahlverfahrens, Benennung der Kandidaten, Wahl, Auszählung, Ergebnis:

Bodo Ramelow:                              44 Stimmen

Christoph Kindervater:                  22 Stimmen

Enthaltungen:                                  24

Bodo Ramelow fehlen zwei Stimmen, Kindervater erhält nur die Stimmen der AfD. Es kommt also zum entscheidenden dritten Wahlgang. Ich will ehrlich sein, ich war recht optimistisch. Enthalten sich zwei Abgeordnete, dann reichen die 44 Stimmen, so meine Denke…

Wieder Auszeit und diesmal ein neuer Kandidat. Thomas Kemmerich tritt an. Was heißt das aber? Wählen CDU und FDP Kemmerich, und die AfD Kindervater, dann ist Ramelow mit 42 Stimmen gewählt und zwar eindeutig und ohne Debatte.

Dritter Wahlgang: Erläuterung des Wahlverfahrens, Benennung der Kandidaten, Wahl, Auszählung. Die Spannung ist auf dem Siedepunkt… und wendet sich dramatisch, als ich in die Gesichter im Präsidium blicke…

Bodo Ramelow:                              44 Stimmen

Christoph Kindervater:                    – Stimmen

Thomas Kemmerich:                      45 Stimmen

Enthaltung:                                        1

Das scheinbar Unmögliche war eingetreten… Ab diesem Moment verlief für mich der Tag nur noch wie in einem schlechten Film. Kemmerich nahm die Wahl von Gnaden der AfD ohne Zögern an, bei vielen im Saal Fassungslosigkeit, Wut und Tränen aber plötzlich neben mir der lachende Brandner, der sich auf die Schenkel klopfte…

Das Unvorstellbare war geschehen. Die AfD hat entschieden, wer in Thüringen Ministerpräsident wird. Willkommen im Jahr 1924… bereits damals ist Richard Leutheußer zum Ministerpräsidenten Thüringens gewählt worden, mit den Stimmen der Völkischen Liste, bevor 1930 in Thüringen die NSDAP zum allersten Mal in Deutschland Teil einer Landesregierung wurde.

Es sind die Kemmerich von Susanne Hennig-Wellsow vor die Füße gelegten Blumen, die symbolisch ausdrücken, was so viele an diesem Tag bewegt. Was für eine Geste.

Aber in diesem Moment war das gar nicht das Entscheidende. Selten habe ich soviel Verzweiflung um mich herum erlebt und immer, wenn ich selbst dachte, ich habe die Fassung zurück, holten mich die Emotionen wieder ein. Irgendwann war zum Glück Micha da, Halt war so wichtig und irgendwie die Sinne beieinander behalten in diesem Chaos, jedenfalls solange bis uns Gerüchte erreichten, wir müssten bis 18 Uhr unsere Büros räumen. Also ab in die Staatskanzlei, wo ich endlich auch meinen Chef umarmen konnte, der auch in diesen Momenten eine unglaubliche Haltung zeigte und bewies!

Mit Micha begann ich mein Zeug zusammenzupacken, planlos bis dann plötzlich die neue Regierung die Büros betrat. Faktisch die komplette FDP-Fraktion, angeführt vom neuen Ministerpräsidenten. Eine absurde Situation. Thomas Kemmrich betrat mein Büro, von draußen drangen Rufe: „Bodo ans Fenster!“, mir standen schon wieder Tränen in den Augen. Ich werde seinen Satz wohl nie vergessen, nachdem wir uns formal begrüßt haben: „Ich freue mich auf unsere konstruktive Zusammenarbeit!“. In diesem Moment wusste ich nicht, ob ich weiter heulen oder doch lachen sollte, stattdessen konnte ich nur sagen: „Herr Kemmerich, ich bin noch 14 Tage hier!“ Dann packte ich weiter.

Zum Glück spürte ich schon in diesem Moment so viel Solidarität, draußen vor der Staatskanzlei, von vielen, die mir schrieben und am wichtigsten war, dass wir dann in der Nacht im „RedRoxx“ standen und uns die Wut von der Seele sangen und tanzten… Es wird weitergehen.

Der Widerstand beginnt!

Wir sind der Osten


Im Oktober des vergangenen Jahres fanden sich Menschen mit ostdeutscher Sozialisation zusammen, um Ostdeutschen ein Gesicht zu geben aber auch, um miteinander ins Gespräch zu kommen. „Wir sind der Osten.“

Ex Oriente lux

„Die Wiedervereinigung hat uns geprägt. Jetzt prägen wir die Gesellschaft. Die Initiative Wir sind der Osten macht Menschen aus Ostdeutschland sichtbar, die die Zukunft positiv gestalten. Sie zeigt Macherinnen und Macher, die Herausforderungen anpacken. Wir alle sind ostdeutsch sozialisiert, leben aber nicht mehr zwingend im Osten.“

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Jetzt gilt es…


Ich würde lügen, wenn ich behaupten wollte, dass ich in den letzten Tagen sonderlich gut geschlafen hätte. Meine Strategie heißt seit spätestens letzter Woche: Ablenken, ablenken, ablenken.

Unterzeichnung Koalitionsvertrag LINKE, SPD, Bündnis

Für den 5. Februar 2020 haben LINKE, SPD und Bündnis 90 / Die GRÜNEN eine Sondersitzung des Thüringer Landtags beantragt, um Bodo Ramelow erneut zum Ministerpräsidenten zu wählen. 42 Stimmen vereinigt #r2g im Landtag auf sich, es fehlen also vier Stimmen zur absoluten Mehrheit. Die Stimmung im Land ist dabei in Bezug auf den Ministerpräsidenten ist dabei allerdings auch drei Monate nach der Landtagswahl am 27. Oktober 2019 ziemlich eindeutig. 60 % der Thüringerinnen und Thüringer würden Bodo Ramelow wählen, wäre eine Direktwahl des Ministerpräsidenten möglich und 71 % sind mit seiner Arbeit sehr zufrieden und zufrieden. Spitzenwerte in Deutschland.

Das war 2019


Es ist ja schon eine kleine Tradition, dass ich zum Jahresende diesen Blog nutze, um zurücjzuschauen, was das Jahr so zu bieten hatte, im Generellen, wie im Besonderen.

Was am wichtigsten war für mich in diesem Jahr, darüber muss ich gar nicht lange nachdenken, es war die Thüringer Landtagswahl am 27. Oktober 2019. In meinem politischen Leben habe ich schon viel Wahlen mitgemacht. Meist habe ich ehrenamtlich wahlgekämpft aber in den letzten Jahren war ich dann auch beruflich mit Wahlausgängen betroffen. 2015 in Hamburg war das ein Freudentag und ein Jahr später in Sachsen-Anhalt eher einer zum Vergessen. Die Ausgangslage in Thüringen war dann aber nochmal eine ganz andere. Seit 2016 arbeite ich in Erfurt und leite das Büro des Thüringer Ministerpräsidenten, der ganz zufällig in der gleichen Partei mitmischt, wie ich auch. Also auch noch persönlich mitfiebern. Es war ein aufregendes Jahr und mich hätte niemand im Frühjahr oder Sommer fragen dürfen, wie es ausgehen wird. Ich hätte ziemlich daneben gelegen, muss ich sagen. Bei allem Stress war doch auch dieser Wahlkampf eine tolle Erfahrung: die jungen Leute vom Online-Wahlkampfteam mit immer wieder witzigen Ideen, Jana und Kevin, die halfen, die Nerven im Büro zu behalten und viele Menschen, die man wieder treffen durfte und mit denen selbst dieser Wahlkampf eine wunderbare Zeit war. Vor allem die Begegnung mit Landolf Scherzer und Hans-Dieter Schütt beim Wandern durch Thüringen hat mich sehr beeindruckt.

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Es wird keinen Schlussstrich geben


Auf den Tag genau vor dreißig Jahren tagte in Berlin der Außerordentliche Parteitag der SED. Am Wochenende davor hatte sich die SED von ihrem Alleinvertretunganspruch verabschiedet aber auch die Selbstauflösung abgelehnt. Die Gründe dafür waren vielfältig und sind.

Der damalige Ministerpräsident der DDR setzt sich für den Fortbestand der SED ein: „Ich muss hier in aller Verantwortung sagen: Wenn bei der Schärfe des Angriffs auf unser Land dieses Land nicht mehr regierungsfähig bleibt, weil mir, dem Ministerpräsidenten der Deutschen Demokratischen Republik, keine Partei zur Seite steht, dann tragen wir alle die Verantwortung dafür, wenn dieses Land untergeht.“ Es gibt viele Delegierte, die für eine Auflösung sind aber viele haben die Befürchtung, dass das Land im Chaos endet, wenn es keine verlässlichen Strukturen gibt und ja es gibt auch das Argument, dass die finanziellen und personellen Ressourcen der Partei retten mus. Die Partei benennt sich um in Sozialistische Enheitspartei Deutschlands – Partei des Demokratischen Sozialismus.

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An einem Donnerstag im November…


Donnerstag, der 9. November 1989. Um 6 Uhr erschallt über den Gang einer Kaserne in Kolkwitz bei Cottbus ca. 100 Kilometer südöstlich von Berlin der Ruf des diensthabenden Unteroffiziers: „Kompanie aufstehen und raustreten zum Frühsport!“. Es bleiben noch etwa zehn Minuten, bevor alle im braunen Trainingsanzug auf dem Gang stehen müssen und es in den nahen Wald zum Morgenlauf geht.

Mein erstes Selfie?

Ich bin dabei. Seit ein paar Wochen absolviere ich auf dem Gefechtsstand 31 der 1. Luftverteidigungsdivision der NVA meine Unteroffiziersausbildung. Es ist eine kleine Kompanie, nur fünf Kilometer entfernt von meiner Heimatstadt. Ein bisschen habe ich noch immer den Verdacht, dass ich diese wohnortnahe Stationierung dem Namen meines Vaters zu verdanken habe, der lange als Beurfsoffizier bei der 1. LVD diente. Regen begleitet uns und alle sind froh, als wir nach einer halben Stunde unter der Dusche stehen. Der November beginnt durchaus kühl und stürmisch.

Der Gefechtsstand 31 in Kolkwitz
Wie konnte ich da schlafen…

Irgendwie passt das zur Lage im Land. Nichts ist mehr gewiss. Seit dem Sommer sind die Verhältnisse auch in der DDR instabil und unüberschaubar geworden. Tausende haben das Land verlassen über Ungarn, über Polen, über die Tschechoslowakei. Es brodelt. Überall in der Republik gehen Menschen auf die Straße und fordern den Dialog, rufen nach Meinungsfreiheit und fordern den Staat heraus, der vor allem hilflos reagiert. Der neue führende Mann im Land, Egon Krenz, der am 18. Oktober Erich Honecker abgelöst hat, ist für die meisten in der Republik, alles mögliche nur kein Hoffnungsträger. Die massive Fälschung der Ergebnisse der Kommunalwahlen am 6. Mai aber auch sein Besuch in China nach den Ereignissen auf dem Tienanmen-Platz machen ihn für viele zu einer krassen Fehlbesetzung, wenn es darum geht, den „neuen Kurs“ der SED glaubwürdig zu machen. Und wer den Sprech seiner ersten Rede liest, der kann das auch 30 Jahre später nachvollziehen.

Selbst im beschaulichen Cottbus gibt es nun Demonstrationen. Am 30. Oktober hatte vor dem Theater die erste Demonstration stattgefunden. Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass das erst geschehen sei, als Autos mit einem Z als Kennzeichen kein Benzin mehr außerhalb des Bezirks erhalten hätten. Dabei gibt es die Diskussionen auch hier schon viel länger und auch den Protest. Schon im Mai lagen vor der SED Bezirksleitung tote Fische aus der Spree, die die Einleitung von Abwässern aus den Kohlekraftwerken und Gaskombinaten nicht überlebt hatten und in den Kirchen fanden fast jeden Abend Gespräche statt. Vor allem die massive Umweltverschmutzung und Landschaftszerstörung durch den Braunkohleabbau war ein Thema in der Lausitz.

Aber noch steht ein Ausbildungstag bevor. Ehrlich gesagt: Ich weiß nicht mehr, was an diesem Tag genau anstand. Mag sein, dass ich mich wieder mit Planzeichnen quälte, die AK 47 zusammenbaute, Taktik der Luftverteidigung büffelte oder gar Politunterricht hatte. Keine Ahnung… 🙂

Übrigens muss ich eine Lanze brechen für unseren damaligen Politoffizier, der sich jeder Debatte stellte. Von Beginn meiner Ausbildung an, also ab Mitte Oktober, war er bereit, über alle Themen zu sprechen. Wir haben uns sogar mit den Reden der Demo vom 4. November 1989 in Berlin befasst, wir haben über 1968 gesprochen und heftig diskutiert und im Dezember war er derjenige, der uns gegen alle Widerstände ermutigte, einen Soldatenrat zu gründen. Viel später trafen wir uns in der PDS wieder, als er schon lange aus dem Dienst entlassen war.

Ich fieberte dem Ausgang entgegen, denn zu dieser Zeit hatte ich eine Freundin, obwohl mir schon länger klar war, dass ich deutlich mehr mit Männern anfangen kann, jedenfalls sexuell. (Dass ebebfalls just am 9. November 1989 Heiner Carows „Coming Out“, der erste schwule DDR-Kinofilm Premiere hatte, das hatte ich da sicher nicht im Kopf.) Aber ich war noch nicht bereit, dass auch öffentlich zu leben und so führte ich eine Beziehung und genoss vor allem unsere emotionale Bindung, unser gemeinsames Interesse an Kultur, an Geschichte, an Politik. 16 Uhr hieß es, zu rennen, denn der Bus fuhr wenige Minuten später ab und um 24 Uhr musste man ja schon wieder zurück sein. Wir trafen uns irgendwo in der Stadt, denn wir wollten zum Gedenken an die Reichspogromnacht. Kurz zuvor war die Gedenktafel mit einem Hakenkreuz beschmiert und geschändet worden. Natürlich war das kein öffentliches Wort wert, denn Nazis gab es ja offiziell nicht mehr in der antifaschistischen DDR. Nur in Cottbus sahen wir sie an den bekannten Treffpunkten und ließen unsere Palitücher verschwinden, wenn wir dort durchmussten.

Danach wollten wir einfach nur unsere Nähe genießen. An diesem Tag haben wir alle Nachrichten verpasst, wir hörten Musik und wir genossen unser Beisammensein, wie das Paare eben tun…

23 Uhr, ich muss zum letzten Bus nach Kolkwitz, der gegen halb zwölf an der Heilstätte ist, von der man noch ein paar Minuten laufen muss, bis man am Gefechtsstand war. Ich war also irgendwann vor Mitternacht in der Kaserne. „Torsten, die Mauer ist auf“, so fiel mir mein Stubenkollege schon gut angetrunken in die Arme… Ich lachte. Ja klar, gab ich zurück, um kurz darauf sprachlos im Fernsehraum zu stehen, wo nicht nur Westfernsehen lief, sondern die Bilder aus Berlin zu sehen waren. Menschen, die die Grenze überschritten, die 28 Jahre unüberwindbar schien…

Ich weiß heute, 30 Jahre danach, nicht mehr so genau, was ich damals dachte. Ich war verwirrt. Was heißt das? Was passiert jetzt? Ja, ich habe mich auch gefreut, nicht so laut, wie meine Kameraden. Die Mauer ist auf… ich ahnte nicht, was das wirklich hieß.

In den zwölf Monaten, die dann kamen, blieb wenig Zeit für Reflektion und Nachdenken. Es passierte ja ständig was neues. Die ersten freien Wahlen, an meinem 20. Geburtstag am 1.7.1990 die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion und schließlich am 3. Oktober 1990 der Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes nach Artikel 23 und damit die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten. All das werde ich in der Armee erleben aber das ist eine ganz andere, eine eigene Geschichte.

Heute habe ich oft das Gefühl, dass wir vergessen haben, welche Stärke wir damals hatten, nicht nur politisch, vor allem auch emotional. Neben all den Veränderungen mussten wir ja auch noch unser Leben auf die Reihe kriegen. Das war für mich mit 19 ziemlich leicht. Die Öffnung der Mauer hatte für mich vor allem auch ein Ergebnis: Ich fing an die schwule Kultur Westberlins abzutauchen und jedes Abenteuer mitzunehmen, das sich mir bot. Silvester 89 feierte ich auf einer ziemlich abgedrehten Party in Berlin-Charlottenburg. Ich nahm Abschied vom Traum, Lehrer für Deutsch und Geschichte zu werden und begann 1991 eine Banklehre. Was für ein Bruch, diese Befreiung und vor allem machte ich Politik, erst bei Demokratie jetzt und dann sehr bald in der PDS. Aber auch davon ahnte ich am 9. November 1989 nicht viel.

10. November 1989. Um 6 Uhr erschallt über den Gang einer Kaserne in Kolkwitz bei Cottbus ca. 100 Kilometer südöstlich von Berlin der Ruf des diensthabenden Unteroffiziers: „Kompanie aufstehen und raustreten zum Frühsport!“. Es bleiben noch etwa zehn Minuten, bevor alle im braunen Trainingsanzug auf dem Gang stehen müssen und es in den nahen Wald zum Morgenlauf geht. Ich habe einen ziemlichen Kopf und es ist immer noch ganz schön kühl…

Ein goldener Herbst?!


Seit 1. Juni 2016 arbeite ich nun in Erfurt, in der Thüringer Staatskanzlei, als Leiter des Büros des Ministerpräsidenten. Ich kann gar nicht glauben, wie unheimlich schnell diese Zeit vergangen. Eigentlich ist doch gerade erst die Bürgerschaftswahl 2015 in Hamburg vorbei, mit den heftigen Nachwehen und dann der Wechsel nach Magdeburg und diesem schmerzhaften Wahlabend in Magdeburg.

Nun also Erfurt im Oktober 2019, wenige Stunden bevor die Wahllokale in Thüringen schließen und die Wählerinnen und Wähler entschieden haben, in welche Richtung sich das Land künftig weiter entwickeln wird. Das Wunderbare ist, dass es das Thüringer Landtagswahlrecht möglich macht, dass ich selbst mit einem Nebenwohnsitz morgen das aktive Wahlrecht für den Thüringer Landtag habe und natürlich wahrnehmen werde. Ich würde wohl die berühmten Eulen nach Athen tragen, wenn ich ein großes Geheimnis daraus machte, wem meine beiden Stimmen gehören:

Meine Erststimme bei meiner ersten Thüringer Landtagswahl gebe ich natürlich meinem Chef, Bodo Ramelow.

Als ich vor drei Jahren nach Thüringen kam, kannte ich weder Bodo Ramelow näher, noch das Land. Über beide hatte ich schon einiges gehört. Erinnern konnte ich mich an einen leidenschaftlichen Auftritt auf einem Bundesparteitag in Dresden, als es um das Bundestagswahlprogramm ging. Engagiert stritt er für seine Position, er stand ziemlich allein in dieser Frage aber er blieb bei seiner Haltung. Und natürlich bekam ich viele Hinweise und Ratschläge, die meisten ungefragt und viele mit der Bemerkung: „Willst du da wirklich hin? Der Bodo kann ziemlich laut werden“, hieß es. Ich konterte, dass mein allererster Chef, Helmuth Markov war. Er war damals Landtagsabgeordneter in Brandenburg und konnte auch sehr laut werden. Ich war mir sicher, das bekomme ich hin. Und was soll ich sagen: Manches bestätigt sich in der Realität nicht. Bis zum ersten lauten Wort hat es über ein Jahr gedauert und inzwischen rate ich allen, die da klug reden, doch mal einen Tag ein Amt, wie das eines Ministerpräsidenten auszuüben. Ein durchgetakteter Tag, Termin an Termin, immer ein anderes Thema, dazwischen Anrufe, Mails, nicht zwingend ausreichend Zeit zum essen und immer jemand, der was von einem will und kaum Einfluss darauf, wie ein Tag abläuft. Wenn ich etwas gewonnen habe, in den drei Jahren im Büro des MP, dann einen riesigen Respekt, vor allen, die ein solches Amt bekleiden und sich oft genug noch Beschimpfungen und Drohungen gefallen lassen müssen. Wenn ich manchesmal bei mir dachte: „Was wurde gerade beredet, dann war mein Chef mit Sicherheit konzentriert bei der Sache, egal, wie lang der Tag schon war?“

Und da bin ich bei einem zweiten Punkt, der aus meiner Sicht Bodo Ramelow ausmacht. Menschen, die ihm einen Sachverhalt anvertrauen, können immer sicher sein, dass sich der MP darum kümmert. Es war unser Prinzip, jede E-Mail und jeden Brief zu beantworten, der nicht nur aus Beschimpfungen bestand und uns zu kümmern, wenn Menschen sich an den MP oder sein Büro wenden. Nach drei Jahren lässt sich sagen, dass sich das wirklich herumgesprochen hat und auch deshalb fast 3/4 der Menschen in Thüringen zufrieden mit der Arbeit des Ministerpräsidenten sind.

Ein Beispiel gefällig. Da kommt eines Tages eine Postkarte vom Ortsteilbürgermeister aus Blintendorf im Büro an: „Zustände, wie in Aleppo“ war die Karte überschrieben. Ich bin ehrlich. Für mich schrieb da ein Wutbürger, der mal eben den Krieg in Syrien mit einem Grundstück in seiner Gemeinde in einen Topf wirft. Ich gebe zu, ich hätte vielleicht nichts getan Aber mein Chef, der kümmert sich. Der Bürgermeister bekommt schon am Wochenende Besuch und unser Büro die entsprechenden Arbeitsaufträge und am Ende, war ich auch glücklich, dass wir helfen konnten, nach fast zwei Jahren! Die ganze Geschichte lässt sich hier nochmal nachlesen.

Und eben das habe ich den letzten drei Jahren lernen dürfen. Tue kein Problem als unwichtig ab, schaue hinter den Text, höre den Menschen, die dich anrufen, zu. Manche scheitern einfach an der Bürokratie, die sie überfordert, manche haben sich verrannt aber viele Menschen in Thüringen wissen inzwischen, dass der MP ein offenes Ohr hat und auch an den Dingen dranbleibt. Und das ist natürlich dann auch die Herausforderung für das ganze Büro. Neben der Organisation des Alltags, neben den großen Themen, sind wir manchmal auch wie das Büro eines Bürgermeisters, nur ohne feste Sprechstunden.

Und nebenbei lerne ich auf jeder Fahrt mit meinem Chef durch Thüringen eine neue Geschichte, ich kenne jetzt die drei großen W, die auch immer zur Sprache kommen, wenn der Büroleiter aus Köln daher kommt und oft habe ich das Gefühl, dass ich der Wessi bin, obwohl ich doch in Cottbus ganz im Osten geboren wurde und der Bodo der Thüringer ist, obwohl er erst 1990 hierher kam. Er hat den Menschen zugehört, er hat sie ernst genommen und hat sich Vertrauen hart erarbeitet und ich kann den Kölner Karneval auch genießen, obwohl der älteste Straßenkarneval natürlich in Thüringen, in Wasungen, gefeiert wird. Apropos: Es gibt nichts schöneres als Rosenmontag von Gemeinde zu Gemeinde zu ziehen und Karneval, sorry Fasching, in Thüringen zu feiern.

Und schnell lerne ich bei meinem Chef, dass Thüringen eben weit mehr ist als Bratwurst und Klöße. Da ist eine tolle Geschichte nicht nur von Goethe und Schiller, nein da ist die heilige Elisabeth, die Franken, der Bauernkrieg und heute, die vielen Menschen, die sich nach 1990, nach all den Brüchen aufgemacht haben, dieses Land zu entwickeln, die Mut hatten, Firmen gründeten. Und heute gibt es über 60 Weltmarkführer, es gibt Spitzensportler, es gibt viele positive Geschichten aus dem Osten und dazwischen immer der Ministerpräsident, der eben auch Haltung zeigt, wenn es drauf ankommt.

Er schweigt nicht, wenn es gegen Flüchtlinge geht, sondern er kümmert sich. Er arbeitet mit Unternehmern und Kirchen zusammen, er diskutiert mit Bürgermeistern und Landräten und er zerlegt die Argumente von Höcke und Co. Er scheut nicht, sich einzumischen, wenn es darum geht, mit Kurdinnen und Kurden, solidarisch zu sein und er kann den Katalanen sagen, dass er das mit der Unabhängigkeit durchaus anders sieht, ohne Solidarität zu verweigern.

Manchmal fragen wir uns im Büro, ob unser Chef das alles schafft, ob es nicht zu viel ist aber bestimmt kommt genau dann noch eine SMS mit einem Fest, wo der MP dringend hin muss. Hilflos unsere Versuche, ihm in solchen Situationen das freie Wochenende zu retten. Aber all das sind für mich genug Gründe um zu sagen: Bodo Ramelow muss Ministerpräsident von Thüringen bleiben. Gerade in diesen Zeiten, braucht es Persönlichkeiten mit Haltung, mit Standpunkten, Ideen und einem Gespür für die Menschen um sie herum, denn das ist der letzte Punkt für meinen Chef: Die Menschen um ihn herum sind ihm immer wichtig: Familie, Freunde, Gesundheit, all das geht immer vor, wer eine Auszeit braucht, der bekommt sie und den ersten Geburtstagsglückwunsch, der kommt mit Sicherheit von ihm 🙂

Also drücke ich ihm die Daumen und mache mein Kreuz bei ihm.

Und dann ist da noch die Partei in diesem Land. Was soll ich sagen: Ein Haufen toller Leute. Nun kenne ich Menschen überall aus unserem Laden, unserer Partei und viele schätze ich aber in den letzten drei Jahren habe ich da noch mal ganz viele kennengelernt, ohne, die der beste MP der Welt nix wäre. Susanne und Steffen, die irgendwie immer den Laden zusammenhalten, Karola und Stewy, die ihr Büro genau in dem Haus haben, in dem ich wohne, die Anja, die man schon hört, wenn man Eisenach verlässt und nach Bad Salzungen will und die so viel Energie hat, dass sie noch den letzten CDU-Wähler überzeugt. Und da ist Ralf, der das Pech hat, seinen Wahlkreis da zu haben, wo auch der MP ab und an ist 🙂 , Ina und Knut, die für diese Partei schon in den 90ern standen, als das nicht so einfach war, all die vielen tollen Menschen in diesem Landesverband, die die letzten Wochen gekämpft haben, genauso übrigens wie viele Genossinnen und Genossen aus allen Bundesländern, die hier in Thüringen unterwegs waren.

Genug Gründe, diese Menschen mit meiner Stimme zu unterstützen, weil es einfach tolle Menschen sind, also neben unserem wunderbaren Programm.

Wie es ausgeht? Keine Ahnung… Aber verdient hätte Thüringen diesen Ministerpräsidenten und die LINKE als stärkste Kraft allemal. Also Daumen drücken und dann ab Montag weiter arbeiten, ich habe schon ziemlich Lust darauf.

Denn erstens kommt es anders und zweitens als man denkt…


Vielleicht habe ich in dieser Woche einfach zu viel gejammert. Jedenfalls hoffe ich, dass Adrian meine letzte Sprachnachricht nicht veröffentlicht und Lukas nicht heimlich meine Zweifel aus der letzten Trainingseinheit verrät. Die letzte Woche lief einfach nicht gut, ich kränkelte etwas und vor allem habe ich gemerkt, dass es im Kopf gerade ein bisschen viel wird. Vorbereitung auf dem Halbmarathon in der Endphase und der Wahlkampf in Thüringen endet heute auch.

Vielleicht, denn andererseits lief das Lauftraining am Mittwoch wirklich gut, besser als erwartet und der Kopf war frei, als wäre eine Last abgeschüttelt. Ich kann es noch. Nur, manchmal kommt es eben anders 🙂

Gestern kam die Absage. Der Marathon in Beirut ist abgesagt. Wem es nicht bekannt ist: Die innenpolitische Lage im Libanon ist sehr angespannt, es gab Demos, auch Auseinandersetzungen und dass ein Veranstalter in einer solchen Situation klug reagiert und sagt: Unter diesen Umständen macht ein Lauf keinen Sinn, das kann ich gut verstehen. Damit ist (lauftechnisch) die Road to Beirut aber für mich beendet. Ich weiß noch nicht, ob ich trotzdem in den Libanon fliege oder ob ich mir das Erlebnis einfach aufhebe. Dafür werde ich wohl den Sonntag und den Wahlausgang in Thüringen abwarten.

Jetzt bin ich ein bisschen traurig, trotz der Zweifel am Beginn der Woche, denn objektiv weiß ich ja, dass das Training gut war, dass ich durch die strukturierten Einheiten zugelegt habe. Natürlich hätte ich gern gewusst, wo ich stehe. Das geht halt jetzt nicht. Ein bisschen blöd, dass dann für dieses Jahr der verkorkste Halbmarathon von Luxemburg in der Bilanz bleibt, dafür aber zwei geile Zehner in Wuppertal und Köln und vor allem der Rennsteigherbstlauf, der mir richtig Spaß gemacht hat.

Die Road geht natürlich weiter! Mein erster Marathon soll im Frühjahr 2020 steigen. Es gibt vier Optionen dafür und ich hoffe, dass mich Adrian auch auf diesem Weg weiter begleitet und wenn es passt, dann würde ich auch gern den Halbmarathon beim Rennsteiglauf im Frühjahr mitnehmen. Insofern, ich freue mich auf einen entspannten long run am Sonntag und auf die nächsten Laufabenteuer…

Auf dem Weg nach Beirut


Es sind nur noch knapp vier Wochen, dann steht der nächste Halbmarathon an, der zweite in diesem Jahr und damit auch der Abschluss meiner Laufsaison.

Auf zum Lauftraining

Einige haben sicher gelesen, was mir in Luxemburg widerfahren ist und ich hatte mir fest vorgenommen, dass mir das nicht noch einmal passieren soll. Also habe ich eine Kleinigkeit an meiner Vorbereitung geändert. Ich verlasse mich nicht mehr auf einen Plan, den ich im Internet heruntergeladen habe und auch nicht mehr nur auf mein Gefühl, ich habe mir einen Lauftrainer gesucht und einen gefunden. Auf die Idee hat mich der Wechselzone-Podcast gebracht. In dem Podcast von Adrian, Lukas und Thomas geht es an sich vordergründig Triathlon aber immer wieder streifen die drei auch die Themen Laufen und Radfahren, mal intensiver, mal weniger intensiv. Seit einiger Zeit nutze ich die längeren Läufe oder auch Zugfahrten und höre leidenschaftlich gern Podcasts aus allen möglichen Themenbereichen. Ein paar Favoriten habe ich natürlich allen voran drei Laufpodcasts nämlich: „Laufen, Liebe, Erdnussbutter“ den Podcast von Daniel & Niklas, die nicht nur Spaß am Laufen verbreiten, sondern, die auch politisch aber sowas von auf meiner Wellenlänge liegen, dann „Laufendentdecken“, den Podcast von Florian & Peter aus Österreich, die mich nicht nur mit ihrem Dialekt erobert haben, sondern vor allem mit ihrem Humor und schließlich „Fatboysrun“, den Podcast von Michael & Philipp, der Experten und Laien verbindet und ganz viel Infos rüberhaut. Aber inzwischen gibt es viel mehr, die Tennisproleten mit Daniel & Tobias, die Podcasts des Deutschlandfunks und der Süddeutschen und natürlich der Podcast von Jonas & Mats Hummels. Jede Menge Stoff also, der erstmal weggehört werden will.

Aber zurück zum Laufen und den neuen Zielen. Relativ schnell war mir klar, dass ich für mein neues Ziel den Halbmarathon in Beirut am 10. November etwas neues für mich brauche. Es macht mir nichts aus, nach einem Plan zu laufen aber irgendwie fehlte mir jemand, der als Motivator und Antreiber unterwegs ist. Auf seinem Podcast warb Adrian von Wechselzone damit, dass er auch als Lauftrainer zu haben sei. Schon im Podcast fand ich die Art, wie er über Training generell und auch im Besonderen sprach immer wieder überzeugend und ansprechend. Und ich hatte mitbekommen, dass ein paar von denen, denen ich auf Twitter, Facebook und Strava lauftechnisch folge, auch bei ihm im Training standen. Also schrieb ich ihm eine E-Mail und bekam sehr schnell eine Antwort. Adrian arbeitet mit einer App, in der er die Trainingspläne einträgt. Bevor er loslegt, nimmt er sich viel Zeit, um Motivation, Erfahrungen und Ziele abzufragen. Und dann stand die erste Woche an.

Für mich was das ein Schock, denn die Umfänge, die er vorgab, lagen deutlich über dem, was ich bisher gelaufen bin. Ich war froh über 20 – 25 Kilometer, die ich bisher gelaufen war. Nun standen etwa 45 – 50 Kilometer auf dem Plan, davon bisher mindestens einmal in der Woche ein langer Lauf von 20 Kilometern plus x. Plötzlich hatte ich Freizeitstress. Denn neben der Arbeit, lasse ich mich zweimal in der Woche auch im Studio von Lukas quälen. Nun also noch laufen unterbringen und das in einer Zeit, wo es bei mir gerade beruflich so richtig rund geht, denn in drei Wochen wählt Thüringen und entsprechend viel zu tun ist auch im Büro des Ministerpräsidenten.

Ich muss sagen, dass ich mich am Anfang ziemlich quälen musste. Vor allem die Umfänge waren neu für mich. Dafür war das Training deutlich abwechslungsreicher. Inzwischen laufe ich nur noch nach Tempo, nicht mehr nach Herzfrequenz. In der Regel habe ich in der Woche eine Intervalleinheit, eine Einheit mit all out Läufen und den langen Lauf am Wochenende. Und nach zwei Monaten Training mit Adrian kann ich schon sagen, dass es sich gelohnt hat. Ich merke, dass Adrian sehr viel individueller auf mich eingehen kann, als jeder Plan. Wenn mir was dazwischen kommt, wenn die Arbeit mir die Zeit zum trainieren klaut, wenn ich kränkle oder eine Einheit nicht schaffe, dann hat Adrian einen Rat. Ich habe unheimlich viel gelernt, vor allem, dass ich Geduld brauche, um voran zu kommen, dass Rückschläge dazu gehören und es auch nicht schlimm ist, wenn mal ein Ziel nicht erreicht wird. Was mir Lukas in Bezug auf meinen Körper beigebracht hat, das lerne ich jetzt bei Adrian in Bezug aufs Laufen. Scheitern gehört dazu! Natürlich ärgert es mich, wenn ich eine Einheit nicht schaffe und es macht mir Stress, wenn ich neben der Arbeit nicht weiß, wie ich eine Laufeinheit unterbringen kann. Genau in den Momenten tut es gut, wenn ich eine Whatsapp schreibe und Adrian antwortet und einen Rat hat aber auch sagt, was ich anders machen muss. Tempo halten, langsame Läufe auch wirklich langsam laufen, nicht übertreiben, all das lerne ich gerade und habe auch noch Spaß dabei. Laufen hat mich auch vorher entspannt aber jetzt habe ich auch Spaß und nehme auch scheinbar große Herausforderungen an.

Dass sich all das lohnt, das habe ich mir jetzt schon zweimal beweisen können. Am 21. September 2019 stand der Run of Colours in Köln über 10 Kilometer auf dem Programm, den ich in 50:55 absolviert habe. Die ersten 5 Kilometer in25:04 und damit halt den entscheidenden Tick zu schnell, um meine Bestzeit von 50:47 aus dem Frühjahr zu knacken. Falsche Renneinteilung. Zu Beginn zu sehr mit der Masse mitgerannt und dann fehlten am Ende ein paar Körner. Aber trotzdem lief der Lauf so entspannt und locker, dass ich einfach ein sehr gutes Gefühl hatte.

Kurz vor dem Start zum Run of Colours 2019

Und am letzten Wochenende hatte ich mich ganz kurzfristig entschieden, den long run durch den Rennsteig-Herbstlauf von Neuhaus am Rennweg nach Masserberg zu ersetzen und 20 Kilometer mit 300 Höhenmetern mitzunehmen. Hier war ich schlauer. Ich hatte mir bewusst vorgenommen, den Lauf als lockeren Lauf für mich anzunehmen und der Kollege, der mir den Lauf empfohlen hatte und in seiner Altersklasse auch gewonnen hat, der gab mir noch ein paar entscheidende Tipps: Tritt beim ersten Anstieg auf die Bremse, übertreibe es nicht. Das habe ich ernst genommen und das hat sich gelohnt. Ich konnte den Lauf genießen, gönnte mir Pausen bei schönen Ausblicken für Fotos und an den Verpflegungspunkten und war erstaunt, dass ich den letzten Anstieg gehend schneller bewältigte als andere, die noch liefen. Das ganze quer durch den Wald über Stock und Stein und bei 5 Grad Celsius. Aber was für ein geiles Gefühl, dann nach 1:56:37 h und 20 Kilometern in Masserberg ins Ziel zu kommen. Auch wenn die Oberschenkel beim letzten downhill brannten, ich fühlte mich irre gut und wenn ich früher zwei Tage nach einem Halbmarathon nicht laufen konnte, kann ich heute ganz entspannt hier sitzen und an meinem Blog schreiben. Was für ein Fortschritt.

Team Bodo im Ziel 🙂

Nun kommen also die letzten Wochen bis Beirut. Die werden sicher noch anspruchsvoll und alles unter einen Hut zu bekommen, wird nicht leichter aber ich habe einfach ein gutes Gefühl, dass ich das alles gut schaffen werde. Ich bleibe dran und werde auch nach der nächsten Etappe erzählen, wie es war…

Es ist dann doch deutlich differenzierter…


Vor ein paar Tagen äußerte Malu Dreyer in einem Interview u.a. zu möglichen politischen Alternativen zur Großen Koalition. Sie schloss dabei Gespräch mit Bündnis 90 / Die GRÜNEN und LINKEN nicht aus. Sie fasste es für den Fall, dass es eine Mehrheit links von der Mitte gebe, so zusammen: „Sollte es eine Mehrheit links von der Union geben, müssen wir das Gemeinsame suchen und das Trennende analysieren“.

Man könnte fast versucht sein, das im Angesicht von drei Koalitionen dieser Parteien in Thüringen, Berlin und seit kurzem auch in Bremen, als eine Selbstverständlichkeit zu begreifen aber weit gefehlt, sofort begannen einige, aus den untersten Schubladen wieder die löchrigen alten roten Socken herauszuholen. Weit vorn dabei der Redakteur der „BILD“ Ralf Schuler, der nicht umhin kam, vor einer Zusammenarbeit mit den LINKEN zu warnen, denn das seien ja die „SED-Erben“. Der Konter von Rainald Becker war da ebenfalls bemerkenswert: „Wer 30 Jahre nach der Einheit, die Linke immer noch als „SED-Erben“ bezeichnet, hat nichts gelernt und nichts verstanden“, schreibt er auf Twitter. Was daraus folgte war eine hitzige Debatte auf Twitter und darüber hinaus, in der es dann noch mal so richtig zur Sache ging.

Mir ist dabei aufgefallen, dass ich ja nun ebenfalls fast dreißig Jahre bei diesen „SED-Erben“ mitmache und trotzdem zu der inzwischen erdrückenden hohen Zahl der Mitglieder dieser Partei gehöre, die niemals der SED angehört haben. Wenn ich genau 30 Jahre zurückschaue, dann waren es die Tage eines einigermaßen verrückten Sommers 1989, in dem schon vieles anders war aber was im Herbst dann passierte, wohl kaum zu erahnen oder vorherzusehen war. Gerade hatte ich mein Abitur bestanden und auch an der 2. Erweiterten Oberschule „Artur Becker“ in Cottbus erlebten wir in der 12/7 doch die eine oder andere hitzige Debatte. Dabei kann ich mich nicht daran erinnern, in einer Klasse von lauter Widerstandskämpfern und Oppositionellen gewesen zu sein. Wir alle hatten unsere ganz eigenen Träume von unserer Zukunft, wir hatten unsere Sorgen und kleineren oder größeren Probleme aber wir haben bei alldem auch wahrgenommen, was um uns herum passierte. An eine Diskussion in Staatsbürgerkunde erinnere ich mich besonders: Am 6. Mai 1989 fanden in der DDR Kommunalwahlen statt und die Partei- und Staatsführung konnte es ganz offenkundig nicht verkraften, dass die Listen der Nationalen Front womöglich keine 99% bekamen, sondern vielleicht nur 75%. Es kam zu mehr oder weniger massiven Wahlfälschungen und ein Mitschüler konnte das belegen, weil er an der Auszählung teilgenommen hatte und allein die NEIN-Stimmen in seinem Wahlbezirk höher waren als die später für die gesamte Stadt angegebene. Offenbar stimmte da was nicht. Unsere Stabü-Lehrerin gab sich alle Mühe und meinte am Ende, dass es ja möglich sei, solche Unregelmäßigkeiten zu melden. Wir durften in den Wochen danach erleben, was mit solchen Beschwerden geschah, nämlich schlicht: nichts!

Viele von uns waren glühende Anhänger von Gorbatschow. Ich weiß, dass ich all seine Reden verschlang, mir seine Bücher kaufte. Heute, 30 Jahre später, stelle ich beim Lesen fest, wie fremd mir diese Funktionärssprache inzwischen ist. Aber die Offenheit der Debatten in der Sowjetunion, die Auseinandersetzung mit der Geschichte, vor allem dem Stalinismus, das faszinierte mich und viele andere. Umso bitterer, dass es für die SED nicht infrage kam, die „Wohnung zu tapezieren, nur weil der Nachbar es tut“. Aber es war ja trotzdem mein Land und ja, ich glaubte noch immer an den Sozialismus in der DDR.

Dabei hatte ich mich selbst schon lange aufgemacht zu ganz neuen Ufern. Die Katholische Kirche in Cottbus lud immer wieder zu spannenden Diskussionen ein. Viel später las ich, dass sich dort „feindliche Elemente“ versammelt hätten und mein Vater, der mir nie davon erzählte, musste sich bei seinem Parteisekretär rechtfertigen, dass sein Sohn offenbar dabei ist, zum Feind der Republik zu werden. Ich glaube, fragen konnte ich ihn nie, mein Vater fand diesen Vorwurf dermaßen absurd, dass er mir gegenüber lieber darüber schwieg, was er sich anhören musste. Dabei haben wir uns sonst nie was geschenkt. Die Zeit zwischen 19.00 Uhr und 20.15 Uhr war bei uns zu Hause eine echte Herausforderung für meine Mutter. Nachrichtenzeit und die ging nie ohne heftige Auseinandersetzungen zwischen mir uns meinem Vater vorüber. Für meinen Vater war Gorbatschow alles, nur kein Reformer. Er hatte in den 80er Jahren in der Sowjetunion beim Bau der Erdgastrasse gearbeitet und war entsetzt über die ökonomische Lage dort und auch über die Verhältnisse. Nie werde ich vergessen, wie erschüttert er war, als er Bilder zeigte von einer Kirche, die zu einem Schweinestall umfunktioniert worden war. Für meinen atheistischen Vater ein wahrer Frevel und unfassbar.

Welche Haltung hatte ich also zur DDR im Sommer 1989. Es war meine Heimat. Ich wollte keine andere. Hier waren alle meine Freunde, einer meiner besten allerdings, war im Mai ausgereist. Ich hatte eine kritische Sicht, vieles gefiel mir nicht aber die Systemfrage habe ich mit meinen 19 Jahren nicht gestellt. Den Sozialismus menschlich machen und demokratisieren, das war meine Idee. Offene Debatten, wie ich sie in der Kirche etwa zum Thema Umweltschutz erlebte. Warum sollten die schaden, fragte ich mich. Sie würden doch dieses Land viel attraktiver machen… Aber natürlich hätte sich die SED dann genau mit diesen Argumenten auch auseinandersetzen und Dinge verändern müssen. Meine Naivität bestand darin, dass ich ehrlich glaubte, dass das möglich sei. Und mir war weder klar noch bewusst, wie SED und Stasi mit Oppositionellen und Kritikern umging. Ich wusste manches, was Mitte und Ende der Achtziger passierte, ich hörte Deutschlandfunk, sah Westfernsehen aber das Ausmaß war mir unklar und schon gar nicht dieses irre IM-System, mit dem das Land überzogen war.

Aber jetzt war ja Sommer und zuerst fuhr ich mit Freunden in ein „Lager für Erholung und Arbeit“ in die tschechoslowakische Partnerstadt Košice, wo ich zum ersten Mal mitbekam, dass viele Slowaken nach Unabhängigkeit strebten und ein gemeinsames Volleyballteam von Tschechen und Slowaken undenkbar war und dann fuhr ich Anfang August mit meinen Eltern nach Sopron, die ungarische Stadt an der Grenze zu Österreich, wo uns die Ereignisse überrollten. Es war kurz nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs, immer wieder flohen DDR-Bürger über die Grenze, Trabis und Wartburgs standen in der Stadt, verlassen von ihren Eigentümern. Meine Eltern waren in Sorge, ich hatte viel zu viel mit mir und einem jungen Ungarn zu tun, den ich in der Disko kennengelernt hatte und mit dem ich mir die Tage und auch manche Nacht vertrieb.

Und war es September und die Einberufung zur Nationalen Volksarmee stand an. Die Grundausbildung in Prötzel nicht weit von Berlin, mitten im Wald und dann mein Einsatzort der Gefechtsstand der 3. Luftverteidigungsdivison in Kolkwitz, nicht weit weg von Cottbus. Und um uns herum begannen Montagsdemos und löste sich ganz allmählich das System auf. Faktisch bis zum 9. November bekamen wir nur gefilterte Infos aus dem DDR-Fernsehen. Wir sahen Honecker gehen und Krenz kommen und waren fassungslos darüber, wir sahen Debatten über Mängel in der Wirtschaft und fanden das gut und wir waren in der NVA, die so tat, als wäre nichts geschehen. Ich werde nie vergessen, wie wir dann nach dem 7. Oktober einen Soldatenrat gründeten und dafür disziplinarisch belangt werden sollten. Wir ließen uns nicht einschüchtern. Es ging uns nicht ums große ganze, sondern um Dinge, wie den Fraß in der Kantine, die Schikanen von einigen Vorgesetzten und vor allem das unsägliche EK-System, dass eher an das Mittelalter als an eine sozialistische Armee erinnerte. Aber wir hatten auch viel Sympathie vor allem von jungen Offizieren, die uns unterstützten, übrigens natürlich alles SED-Mitglieder. Der Wunsch, dieses Land zu verändern und dabei nicht die Systemfrage zu stellen, der verband viele in jenen Tagen.

Und dann ging am 9. November 1989 die Mauer auf und vielen war klar, dass es jetzt kaum Zeit dafür gibt, sich selbst auf den Weg zu machen. Die Geschwindigkeit, in der sich die Dinge veränderten, war kaum auszuhalten. Darüber nachdenken, was jetzt sinnvoll und richtig sei? Keine Zeit.

Und ich selbst? Ich hing ja noch immer an der DDR, ich hatte auch noch immer die Idee, dass wir das mit dem demokratischen Sozialismus doch versuchen könnten. Nur gehörte ich auch zu denen, die der Meinung waren, dass das mit dieser SED nicht geht. Zu erstarrt schienen mir die Strukturen, zu wenig Bereitschaft sah, sich der Entwicklung zu stellen. Krenz war für mich überhaupt nicht glaubwürdig. Mir schien, es geht nur darum die Macht zu erhalten. Natürlich bekam ich die Debatten auf dem Parteitag der SED im Dezember mit, als auch die Frage stand „auflösen oder nicht?“ Mir schien nachvollziehbar, dass ein solcher Schritt dazu führen könnte, für Chaos zu sorgen, wenn man diese Struktur einfach auflöst. Ich war aber viel zu weit weg, um das beurteilen zu können.

Für mich war die neue SDP der DDR in jenen Tagen viel spannender. Das lag weniger an der Partei als an ihrer Schwesterpartei in der BRD. Die SPD verabschiedete Ende 1989 in Berlin ein neues Programm mit einem spannenden Kernsatz:

„Die bürgerlichen Revolutionen der Neuzeit haben Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit mehr beschworen als verwirklicht. Deshalb hat die Arbeiterbewegung die Ideale dieser Revolutionen eingeklagt: Eine solidarische Gesellschaft mit gleicher Freiheit für alle Menschen. Es ist ihre historische Grunderfahrung, dass Reparaturen am Kapitalismus nicht genügen. Eine neue Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft ist nötig.“

Das wäre doch was für mich. Also schritt ich zur Tat und wollte Sozialdemokrat werden. Allerdings wollte die SDP mich nicht, denn mein Vater war als Direktor für Verkehr des Kombinates Kraftverkehr des Bezirkes Cottbus ein Funktionär und ich müsse Verständnis haben, dass man da vorsichtig sei. So wurde es nichts mit mir und der Sozialdemokratie… Treppenwitz der Geschichte, mein Vater im Dezember 1989 das letzte Mitglied der Kombinatsleitung mit SED-Parteibuch. Der Parteisekretär, der ihn noch im Frühjahr wegen mir heftig getadelt hatte, war als Erster ausgetreten.

In jenen Tagen las ich viel. Besonders hatte mich das kleine Büchlein von Walter Janka „Schwierigkeiten mit der Wahrheit“ fasziniert. Ich war erschüttert. Nein, das waren keine Kleinigkeiten. Von meinem Sozialismus blieb da nicht viel. Fast täglich wurde neues öffentlich, was ich mir nie hätte vorstellen können und nein, es war nicht Wandlitz aber die Korruption von Funktionären, die DDR als großer Waffenhändler, der Müllhandel mit dem Westen… und natürlich die vielen Geschichten von Menschen, denen unfassbares Unrecht widerfahren ist, die verfolgt und inhaftiert wurden. Zurecht war das jetzt vorbei.

Ich las aber auch die Rede von Michael Schumann, die er auf dem Parteitag der SED gehalten hatte und die deutlich machte, worum es geht: Um den Bruch mit dem Stalinismus als System, um die Aufarbeitung der Verantwortung der SED für all das Unrecht. Noch heute ein durchaus beeindruckendes Dokument, vor allem vor dem Hintergrund, wie schnell die Partei begann, sich auch mit diesem Thema ernsthaft auseinanderzusetzen.

Und dann lernte ich im Februar 1990 Leute in Cottbus kennen, die eine linke Jugendstruktur aufbauen wollten. Wir trafen uns im alten Gebäude der SED-Kreisleitung und machten alles mögliche, u.a. auch Wahlkampf für die PDS. Wir hatten irre viel Spaß, es war das erste Mal: Plakate kleben, Infostände… ich werde nie vergessen: Helmut Kohl in Cottbus, die Stadt im Ausnahmezustand und wir standen auf dem Balkon einer Freundin und hissten die DDR-Fahne. Ich dachte, die stürmen die Wohnung. Wutbürger gab es auch damals schon. Am 7. März 1990 wurde ich Mitglied der PDS. Aktiv blieb ich bei den „Jungen GenossInnen“ und von Beginn an, war die Erneuerung der Partei, die Auseinandersetzung mit der Geschichte eines unserer wichtigsten Anliegen. Das war nicht immer leicht und vor allem war es ja sehr oft auch sehr persönlich. Aber kein Parteitag, an den ich mich erinnern kann, nicht ohne Debatte zu diesem Thema.

Und gerade all die persönlichen Auseinandersetzungen mit Biografien einzelner Menschen, oft tat das unendlich weh, vieles schmerzte. Oder auch die Debatte um das Eigentum der Partei. Ich erinnere eine Liste im Frühjahr 1990 im Landesvorstand mit über 40 Objekten, die bei uns sicher bleiben würden. Am Ende blieb keins. Wir verzichteten auf das Eigentum, die Auseinandersetzung hätte nur Verlierer gekannt und das Lothar-Bisky-Haus wurde übrigens vom Land Brandenburg gekauft.

Ich könnte einfach weiterzählen. Was will ich damit eigentlich sagen: Natürlich hätte sich 1989 die SED auch auflösen können. Vielleicht wäre manches dann einfacher gewesen, vielleicht aber auch nicht. Die Delegierten haben sich damals anders entschieden. Übrigens hat sich nur die PVAP in Polen aufgelöst, die Kommunistische Partei Rumäniens wurde verboten, alle anderen bestanden fort. Die ungarischen und bulgarischen Kommunisten wurden zu sozialdemokratischen Parteien. Und dann wird von manchen bedauert, dass es kein Verbot gegeben hätte. Wie aber hätte man das rechtfertigen und begründen wollen… Im übrigen haben weder Bundestag noch Bundesrat jemals einen solchen Antrag debattiert. Was hätte man der PDS vorwerfen können? Ihre Geschichte… o.k. nur die Menschen, die Verantwortlichen wären weiter da, auf das Vermögen der SED hatte die Partei verzichtet, was auftaucht, wird heute für gemeinnützige Zwecke genutzt. Am Ende bleibt oft ein unhistorischer und kruder Vergleich mit der NSDAP, der aus sehr, sehr vielen Gründen fehlgeht.

Deswegen: Ja, ich bin Mitglied einer Partei, die aus der SED hervorgegangen ist aber ich bin froh, dass in dieser Partei seit 1990 immer wieder und sehr tiefgreifend über Geschichte und die Verantwortung geredet und debattiert wird. Wir Mitglieder konnten und können uns da nie wegducken. Und das finde ich persönlich auch vollkommen in Ordnung. Das Erinnern an die Geschichte, das Reden über Strukturen, die Unrecht und Verbrechen ermöglichten, lassen uns hoffentlich vermeiden, erneut in totalitäre Strukturen und Denkmuster zurückzufallen.

Und na gut, aus mir und der deutschen Sozialdemokratie ist nichts geworden, worüber ich nach dreißig Jahren nur bedingt traurig bin, weil ich in meinem Laden durchaus eine Menge Menschen kennenlernen durfte, mit denen es Spaß macht, Politik zu machen, im heute und hier und oft sehr streitbar.